Beratung und Reflexion als effiziente Instrumente bei der beruflichen Neuverortung

Von Johannes Dümler (November 2025)

Alle, die nach einer längeren Zeit im Ausland wieder in die „Heimat“ kommen, stehen vor der Aufgabe, viele neue Erfahrungen und Kompetenzen in das Leben hier zu integrieren. Ob und wie die berufliche Weiterentwicklung und Integration gelingt, ist von vielen Faktoren abhängig. Ich erinnere mich an die vielen Hürden auf diesem Weg. Wenn sich dann alles gefügt hat, sollte man das aber nicht nur mit purem Glück abtun. Vielmehr können Beratung und Reflexion effiziente Instrumente im beruflichen Rückkehr-Prozess sein.

Als ZFD-Fachkraft nach Guatemala

Ein lachender Mann mit Strohhut und grün-blauem T-Shirt und ein Junge mit grünem T-Shirt sitzen auf weißen Plastikstühlen und schauen in eine Richtung. Im Hintergrund sind Zelte zu sehen und weitere Plastikmöbel zu sehen..
Johannes (links) mit Oscar aus Poptun.

Der Reihe nach. Seit meinem Freiwilligendienst im Süden Chiles im Jahr 2003 engagiere ich mich im Bereich internationaler Freiwilligendienste. So gründete ich nach dem Studium mit zwei Freunden einen Verein zu erfahrungsorientiertem interkulturellem Lernen. Dort verantwortete ich unter anderem Seminare, Fortbildungen und Veranstaltungen bis hin zu internationalen interkulturellen Konferenzen. Insbesondere die Arbeit mit Geflüchteten und deren Unterstützerkreisen zwischen 2015 bis 2018 führte dazu, dass mich Prozesse des Othering und der Marginalisierung sehr beschäftigten. Zudem weckte die Beschäftigung mit mentalen Konfigurationen – also Werten, Einstellungen und Überzeugungen – in mir den Wunsch, gemeinsam mit der Familie eine längere Zeit im Ausland zu leben.

2019 ergab sich dann die Möglichkeit: Entsandt von AGIAMONDO ging ich als Fachkraft im Zivilen Friedensdienst nach Guatemala. Eine Partnerorganisation, die Pastoral Social im Vikariat Petén, suchte Unterstützung beim Aufbau eines theaterpädagogischen Angebots für junge Erwachsene. Das klang nach einer spannenden Herausforderung – in ländlichen Strukturen leben, Fremdsein, Erinnerungsarbeit, … In den folgenden vier Jahren etablierten wir dort ein theaterpädagogisches Bildungsprogramm für visionäres, utopisches Denken und begleiteten acht Gruppen junger Menschen, die Theater als Ausdrucksform kennenlernten. In ihren Stücken thematisierten sie soziale Missstände. Und sie setzten in ihrem Umfeld Impulse, über Kontinuitäten der Gewalt, über die Hoffnungen der Friedensbewegung sowie die Notwendigkeit einer Kultur der Erinnerung nachzudenken. 

Ein riesiges Aufgabenspektrum

Anfänglich habe ich das Projekt allein aufgebaut – mit den verschiedensten Facetten: vom Netzwerken über die Werbung – nebenbei lernen, dass man ohne Essensangebot auf dem Land niemanden für einen Workshop gewinnen kann – bis zur Verfeinerung  nonverbaler Kommunikation. Das bedeutete für mich, ganz viel Frustrationstoleranz zu erlernen und neue Formen von Organisationskultur und Kommunikation zu verinnerlichen. Nach einem Jahr stieß ein lokaler theateraffiner Kollege hinzu und wir entwickelten das Programm im Tandem weiter. Gefordert waren dabei vielfältige Kompetenzen: angefangen bei ganz pragmatischen Fertigkeiten rund ums Veranstaltungsmanagement über die Gestaltung von Lernprozessen bis hin zum Management von Ehrenamtlichen und Teambuilding. 

Trotz Widerständen viele wertvolle Projekte realisiert

Vor allem aber war es eine interdisziplinäre Tätigkeit, die durch Beziehungsaufbau und -pflege gekennzeichnet war: die alltäglichen Herausforderungen, die das Leben unter von Armut und Chancenungleichheit bedrohten Lebensumständen in einer postkonflikt-Gesellschaft kennzeichnen, erfordern viel Kreativität, Erfindungsreichtum und Integrationsbereitschaft. Insbesondere auch von meiner Frau Rebecca, die das familiäre Management und teilweise auch Homeschooling wegen COVID mit drei Kindern meisterte – sowie auch eine weitere Geburt in Guatemala.
Trotz vieler fundamentaler Herausforderungen konnten wir viele wertvolle Projekte wie Kunstfestivals oder eine Jugendbegegnungsreise zur Erinnerungskultur umsetzen. Die intensiven Begegnungen und persönlichen Beziehungen über die Jahre in Kombination mit Kunst und Theater haben mir wundersame Entwicklungen sichtbar gemacht, die mich demütig und dankbar machen, diesen Weg beschritten zu haben. Darin liegt eine unglaubliche Fülle. Es hat mein Leben geprägt in vielerlei Weisen, die ich noch immer nicht ganz begriffen habe.

Rückkehr, Zweifel und Beratung

Nach der Rückkehr mit dieser geballten Erfahrungsdichte in Deutschland einen Weg zu finden, war für uns als Familie nicht einfach. Während ich mich handwerklich erfolgreich mit Renovierungsarbeiten für unseren „festen Hafen“ beschäftigte, erwies sich die berufliche Orientierung als ernüchternd. Die politische Weltlage hatte die Förderlandschaft verändert, es gab kaum passende Stellen im Bereich Frieden, Gerechtigkeit oder Bildung. Ich schrieb zahlreiche Bewerbungen, ohne Erfolg. Erste Zweifel begannen zu nagen. 
In dieser Situation wandte ich mich an die AGdD, um deren Coaching-Angebot für rückkehrende Fachkräfte zu nutzen. Wir erstellten als erstes einen Fragenkatalog und einen Fahrplan für das Vorgehen. Zunächst sollte es darum gehen, aus der Vielfalt meiner Erfahrungen jene zu identifizieren und zu benennen, die für die Stellensuche hier in Deutschland nützlich sind. Dieser Schritt fiel mir schwerer als erwartet. Die wesentlichen Fragen waren: Wie lassen sich die Erfahrungen aus meinem ZFD-Kontext hier einbringen? Wie lassen sie sich verständlich in Bewerbungsverfahren darstellen? Und: Gibt es berufliche Anknüpfungspunkte, die ich bislang nicht sehe? 

Blick auf den Arbeitsmarkt erweitert

Hier waren die praktischen und klugen Interventionen durch AGdD-Beraterin Sabine Maier sehr wertvoll. Ich stellte fest, wo sich mein professionelles Profil deutlich erweitert hat, und konnte das folglich auch viel selbstbewusster und deutlicher darstellen. Zugleich erweiterte sich auch mein Blickfeld auf potenzielle Arbeitgeber – unter anderem auch auf kommunale Akteure. Das führte dann zu meiner heutigen Stelle. 
Ebenso wertvoll waren für mich die sehr konkreten Unterstützungsangebote zum Bewerbungsverfahren – vom Motivationsschreiben bis zur Vorbereitung auf die Interviews. Die smarten und pointierten Anregungen haben meine Klarheit erheblich gestärkt und mich näher an mein Potential gebracht. Das war weitaus mehr, als ich erwartet habe. 
Und es war erfolgreich: Im Hier und Jetzt bin ich erfüllt von meiner jetzigen Stelle beim Jugendfreizeit und Bildungswerk Karlsruhe, wo ich mit einem großen ehrenamtlichen Team Ferienangebote verantworte, Bildungsprojekte gestalte und in der Stadt Karlsruhe im Bereich der Armutsbekämpfung tätig bin. Diese Tätigkeit knüpft in vielen Punkten an meine Arbeit in Guatemala an – auch hier in Karlsruhe geht es um junge Menschen, um das Thema Bildung, um die Arbeit in einem Netzwerk mit Ehrenamtlichen und um politische Strukturen. Da kommen mir meine ZFD-Erfahrungen sehr zugute.

Fazit

Ich kann Rückkehrenden auf Jobsuche nur empfehlen, sich neben der Vernetzung auch Zeit zu nehmen, die eigene Entwicklung zu reflektieren. Das berufliche Coaching der AGDD war für mich dabei sehr hilfreich: Mir hat es viele Impulse für die berufliche Ausrichtung gegeben und damit neue Handlungsfelder eröffnet. Und noch ein Tipp: Keine Angst vor Rückschlägen haben, auch wenn Zweifel auftauchen. Wir können dabei lernen, nicht aus Angst zu handeln, sondern aus unseren Überzeugungen.


Über den Autor

Johannes Dümler ist Diplom-Pädagoge und Trainer für Machtsensibilität und Kulturbegegnung. Von 2020 bis 2024 war er mit AGIAMONDO als Fachkraft im Entwicklungsdienst in Guatemala tätig.