Lernen zu verlernen
Warum Dekolonisierung bei uns selbst beginnt
Von Gisela Wohlfahrt (November 2025)
Wenn wir aus dem Einsatz im Ausland nach Deutschland zurückkehren, bringen wir eine Vielzahl von Geschichten und Eindrücken mit nach Hause: Begegnungen, Widersprüche, Erfolge – und manchmal auch ein leises Unbehagen. Wir fragen uns beispielsweise, inwiefern wir selbst Teil jener kolonialen Strukturen sind, die wir täglich zu überwinden versuchen. Heute forsche und arbeite ich im Themenfeld der Dekolonialisierung der Friedensbildung und damit auch der Friedensarbeit. Das ist für mich vor allem auch eine persönliche Lernreise.
Warum ist das Thema so relevant?
Globale Bewegungen wie #BlackLivesMatter, #metoo und #decolonizetheuniversity, sowie indigene und feministische Proteste und mutige Stimmen aus dem Globalen Süden fordern eine Neuorientierung. Kritik an der Entwicklungszusammenarbeit und die zunehmenden Krisen weltweit zeigen, dass die bisherigen Strategien nicht greifen.
Oft denken wir (Europäer*innen), der Kolonialismus sei Vergangenheit. Doch seine Spuren sind überall: in unserer Bildung, in unseren Institutionen und in unserer Sprache. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit stammen viele unserer Ansätze, Theorien und Methoden aus westlichen Kontexten. Wir wenden sie weltweit an – häufig, ohne zu fragen, ob sie wirklich passen.
Auch in Kambodscha, dem Kontext, in dem ich forsche, sind internationale Organisationen präsent – mit guten Absichten, aber oft mit westlichen Vorstellungen vom Wandel. Lokale Akteur*innen übernehmen diese Vorstellungen, weil sie als „anerkannt“ gelten und auch von den Geldgeberorganisationen erwartet werden. So bleiben ungleiche Machtverhältnisse bestehen, nur in neuer Form.
Eurozentrismus und Geschichtslosigkeit
Eurozentrismus bedeutet, dass wir (Europäer*innen) europäische Werte, Geschichte und Erfahrungen als Maßstab nehmen – oft, ohne es zu merken. Nicht-europäische Geschichte, Perspektiven und Beiträge werden auf diese Weise marginalisiert, verzerrt, ignoriert, entpolitisiert oder sogar ausgelöscht.
Im Glauben, neutral zu handeln, fühlen wir Menschen aus dem sogenannten Globalen Norden uns dazu berufen, Projekte im sogenannten Globalen Süden zu begleiten, wo wir Menschen „retten“, empowern oder demokratische Prozesse und Good Governance fördern. Doch die Frage ist dabei: In wessen Sinne handeln wir eigentlich, wenn wir Indikatoren messen, die zu gewissen Zielen führen sollen, die in Europa festgelegt wurden?
Koloniale Kontinuitäten in uns und um uns herum
Koloniale Kontinuitäten finden sich nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern in den gewaltvollen Realitäten in uns und um uns herum. In Rassismen, dem Patriarchat, Sexismus, Klassendenken und letztlich auch in westlich geprägten Wissenssystemen, die unsere Selbstwahrnehmung und Sichtweisen ausmachen.
Der dekoloniale Theoretiker Nelson Madonado-Torres fasst das folgendermaßen: „In der modernen Welt wird Raum in erster Linie durch Kolonialismus, Rassismus und entmenschlichende Geschlechterunterschiede als Schlachtfeld kartografiert. Krieg ist nicht mehr auf außergewöhnliche Konfliktmomente beschränkt, sondern wird zu einem zentralen Merkmal moderner Lebenswelten.“
Wissenschaftler*innen aus Lateinamerika, die sich zugleich als Aktivist*innen verstehen, fordern eine Dekolonialisierung des Denkens und Handelns. Dies beinhaltet unter anderem den Abbau tief im Kolonialismus verankerter wertender Gegensätze – wie schwarz/weiß, weiblich/männlich, schwach/stark, unterentwickelt/entwickelt.
„Unlearning“ – Lernen, zu verlernen um neu zu lernen
„Unlearning one’s privilege as one’s loss“ ist ein bekanntes Zitat der indisch-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak, Mitbegründerin der postkolonialen Theorie. Es geht ihrer Meinung nach nicht darum, sich schlecht zu fühlen oder zu schämen, sondern darum, sich als Mit-Täter*in eines kaputten Systems wahrzunehmen. Sich bewusst mit der eigenen Rolle und der damit verbundenen Verstrickung in die globalen Machtverhältnisse auseinanderzusetzen.
Dies beginnt mit der kritischen Auseinandersetzung und Selbstreflexion über die eigene Positionalität, die unsere Haltung, unser Denken und auch unser Handeln prägt. Dies beinhaltet unsere individuelle Geschichte, unsere Herkunft, inwiefern wir privilegiert oder von Diskriminierung betroffen sind.
Dekolonisierung heißt, aktiv Machtverhältnisse zu hinterfragen, um sie zu dekonstruieren. Anzuerkennen, dass es nicht die eine einzige Wahrheit gibt, sondern vielfältige – „pluriversale“ – Perspektiven und Realitäten.
Dazu ist es erforderlich, dass wir
- Reflexionsräume schaffen für Selbstreflexion und Reflexivität,
- lokale Expertise als gleichwertig anerkennen, nicht als „Input“,
- hinterfragen: Wer spricht, wer übersetzt und wer bleibt ungehört?
- Eurozentrismus und das Selbstbild kulturell überlegener Europäer*innen überwinden
- die Konzepte von Rasse und Geschlecht hinterfragen
- mutig sein müssen und das System – den Status quo – kritisieren
- Geschichtslosigkeit entgegenwirken
- unsere Welt als pluriversal verstehen und zulassen
Zusammengefasst bedeutet das: Wir befinden uns in einem notwendigen gemeinsamen Lernprozess, der uns dazu auffordert, zu verlernen, was wir glauben zu wissen, um wirklich zuzuhören und die Welt aus einer Vielfalt von Perspektiven verstehen zu können.
Über die Autorin
Gisela Wohlfahrt hat einen M.A. in Global Studies. Sie war von 2018 bis 2019 als Fachkraft für DÜ/Brot für die Welt in Nepal und von 2019 bis 2021 als Fachkraft für die GIZ in Kambodscha. Sie ist freiberufliche Bildungsreferentin und Kommunikationsberaterin und promoviert zu Dekolonialen Perspektiven im Zusammenhang mit Politischer Bildung und praktischer Friedensarbeit.