Antikolonialität in der internationalen Zusammenarbeit

Von Fabian Gomes (November 2025)

Der Karneval in Rio de Janeiro ist nicht nur schön und bunt, sondern auch hoch politisch. Oft greifen die bunten Umzüge Themen der vielen marginalisierten und unterdrückten Gruppen in Brasilien auf – darunter Schwarze, Arme, Nachfahren von Versklavten, Frauen, Indigene. Themen, die so sonst niemand behandelt. Letztes Jahr beschloss die Samba-Schule Salgueiro den indigenen Yanomami eine Bühne zu geben. Deren schwierige Lage hatte vorher landesweit Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Kaum medizinische Versorgung während der Pandemie, hungernde Kinder, Quecksilber-Vergiftungen als Folge der illegalen Goldsuche auf ihrem Land, willkürliche Morde an Indigenen durch die Goldwäscher. Eine weiße Reporterin fragte den Häuptling der Yanomami, Daví Yanomami, ob die Samba-Schule die Probleme der Yanomami gut abgebildet habe. Seine empörte Antwort: „Was meinst du mit unsere Probleme? Wir Yanomami habe keine Probleme. Ihr Weißen bringt die Probleme. Das sind eure Probleme!“

Damit traf er den Nagel auf den Kopf. Die Yanomami leben seit Jahrhunderten tief verwurzelt und gut auf und von ihrem eigenen Land, das die Grundlage für ihre reiche Kultur, ihre gesunde Ernährung und ihre Spiritualität bildet. Wie jede andere Gruppe von Menschen haben auch die Yanomami schon immer ihre Herausforderungen zu meistern gehabt, aber vor der Ankunft der westlichen Kolonisatoren funktionierten die sozialen, kulturellen und ökologischen Strukturen hier an der Grenze zwischen Brasilien und Venezuela. Erst mit der westlichen Gier nach Gold und dem westlichen Bekehrungswahn kamen die wirklichen Probleme.

Die kolonialen Wurzeln der EZ

Heute reisen weiße Europäer*innen im Zuge von EZ-Projekten in den Globalen Süden mit dem aufrichtigen Wunsch „zu helfen”. Was aber, wenn diesem Wunsch, oft unbewusst, ein tief verwurzelter Rassismus in den Weg kommt? Was, wenn wir wegen ihm nicht nur falsch „helfen”, sondern vielleicht sogar die von kolonialen Strukturen geprägte Situation aufrechterhalten oder gar verschlimmern?

Antikolonialismus ist ein Auftrag, uns kontinuierlich zu hinterfragen, um nicht nur tiefsitzende Vorurteile abzubauen, sondern grundsätzlich zu erkunden, was das Elend im Globalen Süden verursacht. Daví Yanomami hat nämlich Recht: Die Probleme des Globalen Südens sind von uns gemacht. Seit über einem halben Jahrtausend sind wir Europäer verantwortlich für einen Großteil des gesamten Elends dieser Welt, seit der Wende zum 20. Jahrhundert kamen die USA und weitere Kolonialmächte hinzu. 

Die internationale Entwicklungszusammenarbeit lässt sich nicht ohne ihre kolonialen Wurzeln verstehen: Europas Aufstieg und Wohlstand beruhen auf Ausbeutung und Gewalt: Der Raub von Gold, Silber und Land in Lateinamerika, der Sklavenhandel, die Kolonisierung und Unterdrückung von Afrika, Asien und Lateinamerika, die vielen von Staaten des Globalen Nordens unterstützten Staatsstreiche, die westliche Unterstützung von kleptomanischen Diktatoren und Bürgerkriegsparteien während des Kalten Krieges – das ist die Basis unseres Wohlstands. Seit mehr als fünf Jahrhunderten nehmen wir uns auf der ganzen Welt, was wir wollen. Wer unseren Interessen in den Weg kommt – Indigene, Schwarze, demokratisch gewählte Präsidenten, bewaffnete Gruppen, die sich gegen ihre Ausbeutung zur Wehr setzen – wird unterdrückt, bekämpft und nicht selten ermordet.

Weiße Hilfe und Rassismus

So lernen wir die Geschichte natürlich nicht. In unserer „weiß-gewaschenen“ Erzählung sind wir die Guten, die Helfenden. Das folgt einem alten Muster. Vor 500 Jahren mussten wir die Ungläubigen vor ihrem Schicksal in der Hölle retten, indem wir sie zum Christentum bekehren. Während des Kalten Krieges galt es, die Länder des Globalen Südens vor dem Kommunismus zu verteidigen. Heute brauchen „wenig entwickelte Staaten“ eben „Entwicklungshilfe“.

Hinter dieser Erzählung verbirgt sich aber anhaltende Gewalt und Unterdrückung – manchmal strukturell und verdeckt, oft aber auch ganz unverhohlen. Jedes Jahr fließen Rohstoffe und Profite in Höhe von zig Billionen Dollar vom Globalen Süden in den Globalen Norden. Nur ein winziger Bruchteil davon bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Nicht der Norden entwickelt den Süden, sondern genau das Gegenteil ist der Fall: Wir im Norden reißen alles an uns und verursachen damit die Armut, Elend, Vertreibung, vermeidbare Krankheiten und Kriege im Globalen Süden, für die wir dann „Hilfe” anbieten.

Dahinter steht eine rassistische Haltung, der sogenannte „White Saviourism“: Weiße Europäer wissen und helfen. Nicht-Weißen Menschen wird „geholfen”, weil sie nicht wissen – nicht wissen, wie sie in Frieden und Wohlstand leben, weil sie angeblich korrupt, sexistisch, primitiv und gewaltsam sind.

Weil wir die Welt so sehen, fragen wir gar nicht erst nach den realen Gründen und laufen Gefahr das Elend des Globalen Südens weiter zu reproduzieren.

Dekoloniale Praxis beginnt mit Reflexion im Norden

Dekoloniale Praxis beginnt daher nicht mit gutgemeinten Projekten im Ausland, sondern mit der Reflexion und Veränderung eigener Denk- und Handlungsmuster im Norden. Der „White Saviourism und auch institutionalisierte Wissenshierarchien, die westliche Expertise über lokales Wissen stellen, sind Ausdruck anhaltender hegemonialer Verhältnisse. Wirkliche Transformation erfordert, Stimmen und Wissenssysteme des Südens ins Zentrum zu rücken und die eigenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systeme, die globale Ungleichheit produzieren und von ihr profitieren, zu hinterfragen. Dekolonisierung ist dabei kein abstraktes Konzept, sondern ein politischer und materieller Prozess: Sie fordert, tiefsitzende Überlegenheitsvorstellungen aktiv zu verlernen, bestehende Ausbeutungsmechanismen zu erkennen und Macht sowie Wohlstand neu zu verteilen.

Besonders angesichts aktueller Krisen wird deutlich, dass Dekolonialität und Antikolonialismus eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung voraussetzt. Das gegenwärtige Wiedererstarken rechtsextremer Ideologien trifft vor allem diejenigen, die vor der von uns verantworteten, aber ignorierten Verwüstung im Globalen Süden fliehen. Auch viele globale Konflikte sind das Ergebnis unserer manischen Suche nach Öl und anderen Rohstoffen als Grundlage unserer Wirtschaft.

Dekolonialer Wandel beginnt lokal – durch Selbstreflexion und konsequentes Engagement für globale Gerechtigkeit. Ganz im Sinne von Daví Yanomami: Das Elend im Globalen Süden ist nicht ihr Elend, es ist unser Haupt-Exportgut.


Über den Autor

Fabian Gomes war von 2018 bis 2020 in Brasilien (GIZ). Er ist als Berater für soziale und ökologische Schutzmaßnahmen sowie als Spezialist für Landrechte und Beteiligung indigener Völker und lokaler Gemeinschaften tätig. Auf seinem Medium-Blog schreibt über radikale antikoloniale Anthropologie