Netzwerke schaffen zwischen Globalem Süden und Norden
Friedensarbeit mit jungen Menschen in Kolumbien
Ulrike Purrer hat 13 Jahre lang Friedensarbeit in Kolumbien für Comundo/AGIAMONDO geleistet. Sie berichtet von ihrer Arbeit mit Jugendlichen in einer der gewaltintensivsten Regionen des Landes und davon, welche Erfahrungen, Perspektiven und Lernprozesse sie aus ihrem Dienst nach Deutschland zurückträgt. Sie ist fest überzeugt vom Potenzial internationaler Beziehungen und des lebendigen Austausches zwischen Globalem Süden und Norden.
Von Ulrike Purrer (Januar 2026)
Wie bist du eigentlich in Kolumbien gelandet? – Als ich vor 13 Jahren erstmals nach Kolumbien ausreiste, um in einer der gewaltintensivsten Regionen des Landes, im Bistum Tumaco, Friedensarbeit mit Jugendlichen zu machen, hörte ich in dieser Frage eher anerkennende Verwunderung. Ich verzichtete bewusst auf meine gewohnten Sicherheiten in Deutschland und zog in eine kleine Holzhütte ohne fließend Wasser mitten in eine Siedlung, die Hunderte von kriegsvertriebenen Familien an der historisch vernachlässigten, kolumbianischen Pazifikküste aufgebaut hatten.
Eigene Ziele verfolgte ich dort nicht. Ich hatte schlicht den Anspruch, mich auf die herausfordernde Realität vor Ort einzulassen und die Menschen, vor allem die jungen, auf ihrem Weg zu begleiten. Warum? Weil das Bistum Tumaco bei Comundo und AGIAMONDO um Unterstützung gebeten hatte und ich der Überzeugung war, dass die Kirche über ein enormes Friedenspotenzial verfügt. In diesem Rahmen wollte ich mich also einbringen.
Engagierte Kirche: von der (Befreiungs-)Theologie bis zur Friedensarbeit
Nach dem Abitur, Ende der 90er Jahre, war ich bereits zwei Jahre im Rahmen eines Freiwilligendienstes der Jesuiten in Mexiko gewesen und hatte mich für die Komplexität Lateinamerikas sensibilisieren lassen. Das Theologiestudium führte mich später für vier Semester nach El Salvador, wo ich mein Interesse an der Befreiungstheologie vertiefen durfte und auch eine mutige, politisch engagierte Kirche hautnah erlebte.
Mein Ausbildungsweg mündete dann in einer Doktorarbeit über die Rolle der Kirche im salvadorianischen Friedensprozess, und dies führte schließlich zu meinem Einsatz in Kolumbien. Seit über 60 Jahren herrscht dort ein bewaffneter Konflikt zwischen verschiedenen Guerillas, paramilitärischen Gruppen und der staatlichen Armee. Trotz der Präsenz etlicher internationaler Organisationen ist es vielerorts nur die Kirche, die auch in den schwierigsten Momenten bei den Menschen bleibt und sich mit ihnen für Frieden und Menschenrechte einsetzt. Ich wollte und durfte dort von 2012 bis 2025 Teil eines solch geduldigen, kreativen und trotz aller Rückschläge auch hoffnungsvollen Basisprozesses sein. Getragen haben mich in dieser Zeit nicht nur die Menschen vor Ort, sondern auch meine Erfahrungen aus Mittelamerika und – als Kind der DDR – nicht zuletzt die Überzeugung „Schwerter zu Pflugscharen“.
Dreizehn intensive Jahre lang bin ich also mit Haut und Haar eingetaucht und konnte mit den Menschen in Tumaco ganz wunderbare Wege gehen. Es entstand ein Jugendzentrum mit Tanz- und Zirkusgruppen, ein kleines Tonstudio für unsere Hiphopper und eine Bibliothek mit Stipendienprogramm. Erste Jugendliche machten Abitur, manche studierten auch, und heute leiten jene ehemaligen Kids das Jugendzentrum. Ein selbstgeführtes Mini-Restaurant erwirtschaftet Einnahmen für die Grundkosten des Zentrums, das ein Ort der Sicherheit und Hoffnung geworden ist. Hier können Jugendliche miteinander Alternativen entwickeln zu Gewalt, Missbrauch und Perspektivlosigkeit.
Brücken und Netzwerke: Globale Solidarität durch Dialog fördern
Für mich persönlich haben sich in diesen Jahren so manche Netzwerke ergeben, die Lateinamerika mit Europa ins Gespräch bringen. So bezeichnen etliche Freund*innen und Verwandte meine Rundbriefe als Fenster zu einer Welt, die ihnen sonst verschlossen bliebe.
Auch in deutschsprachigen Medien darf ich immer wieder berichten und mit meinen Erfahrungen den Blick für die komplexe Gemengelage des kolumbianischen Friedensprozesses weiten. In gemeinsamer Verantwortung für Menschenrechte und Umweltschutz, aber auch in unseren Lernerfahrungen hinsichtlich Geschichtsaufarbeitung sowie Überwindung von Rassismus und kolonialen Denkmustern brauchen wir einander – in Kolumbien wie in Deutschland.
Mehr denn je glaube ich an die Notwendigkeit einer Globalisierung von Solidarität und eines lebendigen Dialogs zwischen Norden und Süden. Ganz konkret wird dies in engagierten Partnerschaften wie zum Beispiel zwischen dem Bistum Aachen und der kolumbianischen Kirche.
Im Frühjahr 2025 habe ich mich schweren Herzens von Tumaco verabschiedet und bin vorübergehend nach Deutschland zurückgekehrt. Der Prozess mit den Jugendlichen war reif: Sie gehen nun ihren Weg mutig allein weiter.
Straßenpädagogik: Erfahrungen nach Europa vermittelt
Bereits während meiner Zeit als Fachkraft habe ich mich 2018 an der Uni Heidelberg zur „Straßenpädagogin“ fortgebildet. Das Studium konnte ich von Kolumbien aus online absolvieren und 2020 abschließen.
Daraus ergaben sich Kontakte, die auch zu Lehraufträgen in diesem Themenfeld geführt haben. 2023 sprach mich außerdem die Theologische Fakultät der Universität Luzern an. Sie war auf der Suche nach einem*r Praktiker*in, um den Fachbereich interkulturelle Theologie zu übernehmen. Seit 2024 habe ich also auch dort einen Lehrauftrag – zunächst virtuell von Kolumbien aus und während meines Aufenthaltes in Europa auch „Live und in Farbe“ in Präsenzveranstaltungen.
Von den Studierenden erhalte ich viel positives Feedback für mein Engagement, die Perspektiven des Globalen Südens so konsequent in die Lehre einzubringen. Diese bereichern unser (akademisches) Denken und konkretes Handeln in Europa.
Zweimal konnte ich außerdem mit besonders talentierten Jugendlichen aus Tumaco nach Deutschland reisen, damit sie selbst Zeugnis ablegen von der Situation in ihrem Land und eigene Netzwerke aufbauen können. Die Begegnungen in Schulen, Jugend- und Kulturzentren, Radiosendern, Rathäusern und Pfarreien waren bewegend und nachhaltig.
Neue Herausforderungen: wieder nach Kolumbien
Ich fühle mich den Menschen in Kolumbien nach wie vor sehr verbunden. Und so ist es nicht verwunderlich, dass ich mich nach einer kurzen Auszeit bei Freunden und Familie in Deutschland für einen erneuten Einsatz in der Entwicklungszusammenarbeit entschieden habe.
Auch diesmal bekomme ich oft die Frage zu hören, warum ich wieder nach Kolumbien gehe. Doch klingt die Frage heute ganz anders in meinen Ohren als vor 13 Jahren: eher wie eine kritische Infragestellung. Schließlich hätten sich die Zeiten geändert und auch in Deutschland gäbe es – ohne Zweifel – viel zu tun.
Ja, ich kenne die vielen gesellschaftlichen Herausforderungen hierzulande. Dennoch halte ich es für falsch, uns hinter unsere eigenen Grenzen zurückziehen und getreu dem Motto „Germany first“ unsere nationalen Interessen zu priorisieren. Ich sehe mich – und uns alle –in einer weltweiten Verantwortung und glaube fest an das Potenzial internationaler Beziehungen auch jenseits politischer und wirtschaftlicher Ambitionen. Dafür braucht es allerdings konkrete Menschen: solche, die nicht nur strategisch geplante Projekte abwickeln, sondern sich gemeinsam mit anderen auf den Weg machen und ihr Leben teilen.
In Lateinamerika habe ich erfahren, wie sehr Begegnungen verändern können – durch einen anderen Blick auf Leben und Tod, auf Kollektivität und Familie, auf Spiritualität, Kunst und Natur – und dafür bin ich zutiefst dankbar.
So breche ich also gespannt wieder auf in einen neuen Einsatz, zu ganz neuen Menschen, Regionen und Herausforderungen und inspiriert von dem Motto meiner Partnerorganisation, den kolumbianischen Jesuiten: „Gemeinsam das Unmögliche (er)träumen“.
Über die Autorin
Ulrike Purrer ist Theologin, Hispanistin und promovierte Historikerin. Von 2012 bis 2025 war sie in Kolumbien (Comundo/AGIAMONDO). Dort leitete sie über 12 Jahre das Centro Afro, ein Jugendzentrum und Schutzraum für Jugendliche, im Viertel Nuevo Milenio.
Anfang 2026 ist sie erneut als AGIAMONDO-Fachkraft nach Kolumbien ausgereist, diesmal in die Nähe von Cartagena an der Karibikküste. Gleichzeitig bleibt sie dem Studiengang „Straßenpädagogik“ in Deutschland – virtuell – verbunden. Derzeit ist Professor Hartwig Weber, der an der Uni Heidelberg das Themenfeld Straßenpädagogik verantwortet, in Kolumbien in Gesprächen mit Politik und Bildungsverantwortlichen, um dort einen vergleichbaren Studiengang zu etablieren.
In diesen wird Ulrike Purrer dann sicherlich einbezogen werden und Brücken bauen – zwischen deutschen und kolumbianischen Straßenpädagog*innen und zwischen Globalem Süden und Norden. Wir sind schon auf ihren nächsten Artikel gespannt, in dem sie demnächst an dieser Stelle über ihre neuen Erfahrungen berichtet.
Aktuelle Informationen zu der Arbeit von Ulrike Purrer: