Manches hätte ich gerne vorher gewusst
Inzwischen fühlt sich die Familie in Köln zuhause
März 2026
Dr. Norman Mukasa ist Dozent und Berater im Bereich Friedens-, Konflikt- und interkultureller Studien mit den Schwerpunkten Interkulturalität, Dekolonisierung und Konflikttransformation. Er lehrt an der Cologne Business School und entwickelt bei der Deutschen Kommission Justitia et Pax Konzepte, Workshops und Materialien zum Thema „Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit, kolonialem Erbe“. Darüber hinaus hat er sich mit einer Beratungsfirma für „Dealing with the Past“ selbstständig gemacht.
2016 ging Norman Mukasa mit seiner Frau Irene Mukasa-Erben, die eine Fachkraftstelle für AGIAMONDO antrat, als mit-reisender Partner nach Uganda. Während der Dienstzeit wurde ihr zweiter Sohn Benjamin geboren. Heute lebt die Familie in Köln.
Herr Mukasa, Sie sind 2021 mit Ihrer Familie als mit-reisender Partner aus Uganda nach Deutschland gekommen. Wie ist Ihr Start in Deutschland verlaufen?
Meine Frau Irene hatte ihren Dienst als ZFD-Fachkraft für AGIAMONDO in Uganda 2021 abgeschlossen, und im April desselben Jahres sind wir nach Deutschland zurückgekehrt – mitten in der COVID-Pandemie. Zunächst hatten wir noch keine eigene Wohnung. Wir sind mit unseren beiden Söhnen Jonathan und Benjamin erst einmal zu Irenes Mutter in den Stuttgarter Raum gezogen. So konnten wir in Ruhe ankommen und uns orientieren.
Zu dem Zeitpunkt hatten wir beide noch keine konkreten Jobangebote. Zwei Monate nach unserer Ankunft konnte sich meine Frau erfolgreich als ZFD-Referentin bei AGIAMONDO in Köln bewerben. Dort hatte ich auch bereits einige Kontakte, da ich 2019 als Forschungsstipendiat am Kölner Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften – kurz GESIS – gearbeitet hatte.
Dann machten wir uns in Köln auf die Wohnungssuche, was – ehrlich gesagt – gar nicht so einfach war. Der Wohnungsmarkt dort ist sehr angespannt und wir hatten für Vermieter*innen nicht gerade das ideale Profil: Ich war damals noch arbeitslos und Irene hatte seit 2013 nicht mehr in Deutschland gelebt. Aber wir hatten Glück: Über persönliche Kontakte ist es uns dann doch relativ schnell gelungen, eine Wohnung am Kölner Stadtrand zu finden.
Was waren für Sie persönlich die größten Herausforderungen in der ersten Zeit?
Die erste große Herausforderung bestand definitiv darin, all die bürokratischen Dinge zu regeln – von der Krankenversicherung bis zur Anmeldung der Kinder im Kindergarten.
Besonders aufwendig war die Anerkennung meiner akademischen Qualifikationen. Das war schon eine ziemliche Geduldsprobe und viele Verwaltungsabläufe waren neu oder ungewohnt für uns. Wir mussten unglaublich viele Dokumente vorlegen und jede Menge „Papierkram“ erledigen. Es kostete viel Zeit und Energie, sich da durchzufinden.
Eine weitere große Hürde für mich war natürlich die Sprache. Ich hatte nur absolute Grundkenntnisse in Deutsch. Die musste ich verbessern, sowohl um im Alltag zurechtzukommen als auch, um berufliche Perspektiven zu entwickeln.
Gerade in dieser Umbruchsphase war das ganz schön viel auf einmal: Ankommen, sich orientieren, Sprachkurse machen und alles Organisatorische im Blick behalten.
Wie haben Sie den beruflichen Einstieg hier erlebt? Was waren die ersten (beruflichen) Schritte in Deutschland?
Der Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt war für mich ebenfalls nicht leicht. Ich brachte zwar Studienerfahrung aus Europa – ich habe in Spanien promoviert – und auch Berufserfahrung als Hochschullehrer und Dekan aus Uganda mit. Aber ohne sehr gute Deutschkenntnisse und mit Qualifikationen, die nicht immer eins zu eins anerkannt werden, war meine Ausgangslage nicht optimal. Ich hatte oft das Gefühl, zwischen den Welten zu stehen.
Ich habe dann angefangen, meine Kontakte und Netzwerke zu nutzen und mich breit zu bewerben. Dieser Weg kann frustrierend sein, weil man erstmal viele Absagen bekommt. Eine frühere Kollegin vom GESIS-Institut hat mir in dieser Zeit sehr geholfen. Sie hat mir Mut gemacht und mich auf offene Stellen an Universitäten und Beratungsfirmen aufmerksam gemacht.
2022 kam dann endlich die erste Zusage: ein freiberuflicher Auftrag als Dozent an der CBS International Business School in Köln. Dort lehre ich seitdem internationale Politik – das macht mir großen Spaß, vor allem, weil ich Studierenden globale Perspektiven näherbringen kann. Es ist ein sehr gutes Gefühl, endlich wieder in der akademischen Welt zu arbeiten, die mir sehr vertraut ist.
Ein Jahr später kam ein zweiter freiberuflicher Auftrag bei der Deutschen Kommission Justitia et Pax hinzu. Dort begleite ich Projekte zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit – ein Thema, das mir persönlich sehr am Herzen liegt. Hier kann ich meine Erfahrung aus Uganda und meine akademische Arbeit wirklich sinnvoll verbinden.
Zusätzlich habe ich zusammen mit meiner guten Bekannten und Kollegin Friederike Repnik be.dialogue gegründet, eine Beratungsfirma mit dem Schwerpunkt „Dealing with the Past“. Das Projekt steht noch am Anfang, entwickelt sich aber vielversprechend und wir sind in diesem Jahr bereits für einige Workshops gebucht.
Inwiefern konnten Sie an Ihre bisherigen beruflichen Erfahrungen anknüpfen?
Ich habe bereits während unserer Zeit in Uganda als Hochschullehrer gearbeitet. Diese Erfahrung hat mir den Einstieg an der CBS International Business School sehr erleichtert. Die pädagogische Basis war sozusagen mein Anker – ich bringe Resilienz, Kreativität und viel Erfahrung im Umgang mit Menschen mit.
Gleichzeitig war mir aber auch klar, dass ich mich weiterentwickeln muss. Ich musste neue Kompetenzen aufbauen – vor allem in der deutschen Sprache, aber auch in der Moderation. Ich sehe das als Teil meines Lernprozesses: Ich möchte ein richtig guter Workshop-Moderator werden – jemand, der Menschen nicht nur Wissen vermittelt, sondern sie wirklich zum Denken und Handeln inspiriert.
Wie wurden Ihre internationalen, interkulturellen und dekolonialen Perspektiven in Ihrem beruflichen Umfeld aufgenommen?
Viele Organisationen, die international arbeiten, beschäftigen sich ja aktuell mit Themen wie Interkulturalität, Multiperspektivität und Dekolonialisierung – sowohl mit Blick auf die eigenen Strukturen als auch auf die Projekte, die sie durchführen. Das bietet mir tatsächlich Ansatzpunkte, um meine Expertise gezielt einbringen zu können.
Allerdings ist das kein einfaches Themenfeld: Oft gibt es unbewusste Vorurteile oder Konzepte, die in kolonialer Kontinuität stehen oder verdeckte koloniale Momente enthalten – das überwindet man nicht einfach mit guten Absichten. Es reicht nicht, an der Oberfläche zu bleiben, sondern die eigenen Strukturen, Zielsetzungen und Arbeitsweisen müssen grundlegend hinterfragt werden. Und das führt oft auch zu Verunsicherungen und Widerständen. Da ist viel Sensibilität gefragt.
Unabhängig von meiner konkreten Arbeit erlebe ich allerdings auch, dass sich der gesellschaftliche Diskurs in Deutschland an vielen Stellen in die entgegengesetzte Richtung bewegt: Rassismus, stereotype Vorstellungen über Schwarze Menschen oder migrationsfeindliche Haltungen nehmen immer mehr Raum ein. Das ist schmerzhaft, aber auch ein Ansporn, sich weiterhin für einen offenen und respektvollen Dialog einzusetzen.
Welche Unterstützungsangebote oder Netzwerke – beruflich oder privat – haben Ihnen beim Ankommen und beim beruflichen Einstieg besonders geholfen?
Ganz klar: Meine Frau war in dieser ersten Zeit meine wichtigste Unterstützung. Sie hat die gesamte Kommunikation mit Behörden, Ärzten und Kindergärten übernommen – diese Dinge, die wie erwähnt anfangs viel Energie gekostet haben.
Aus beruflicher Sicht waren die Angebote der AGdD sehr nützlich. Vor allem die Beratungsgespräche mit Gabi Waibel und das AGdD-Coaching mit Christine Gessmann haben mir geholfen. Wir haben unter anderem mit dem sogenannten ProfilPASS gearbeitet. Mithilfe dieses Werkzeugs konnte ich eine sehr gute Selbstanalyse vornehmen: meine Stärken und Herausforderungen, meine Kompetenzen und meine Wünsche und Ziele.
Ich erhielt auch über die AGdD wichtige Hinweise zum Aufbau meines Lebenslaufs, der für den deutschen Arbeitsmarkt doch anders konzipiert sein muss als beispielsweise für den englischsprachigen Raum. Diese Begleitung war enorm wertvoll.
Auch meine ehemaligen Kolleg*innen am GESIS-Institut in Köln haben mich nicht vergessen. Sie haben mir sogar einen Forschungsarbeitsplatz zur Verfügung gestellt, und einer der Professoren hat mich regelmäßig über Stellenangebote und Fachseminare informiert – das war eine große Hilfe, um wieder Anschluss zu finden.
Und dann waren da noch Freund*innen, die wir früher in Uganda beherbergt hatten – sie haben uns beim Umzug nach Köln und sogar bei der Renovierung der Wohnung unterstützt. Diese Gesten haben mich wirklich berührt. In dieser Zeit haben wir unglaublich viel Solidarität erfahren: Mentoring, praktische Hilfe und menschliche Wärme, mit der ich – ehrlich gesagt – nie gerechnet hätte.
Wie ist das Einleben in Deutschland als Familie gelungen? Wie haben Ihre Kinder diese Veränderung erlebt?
Wir hatten wirklich Glück. Unsere Kinder haben sich relativ schnell eingewöhnt. Natürlich war es am Anfang nicht ganz einfach – vor allem wegen der COVID-19-Beschränkungen. Es gab damals kaum Möglichkeiten, andere Kinder zu treffen oder soziale Kontakte zu knüpfen.
Und anfangs gab es natürlich einige Unsicherheiten: die neue Umgebung, die neue Sprache und viele neue Routinen, aber sie haben sich ziemlich schnell eingelebt. Besonders hilfreich war, dass sie engen Kontakt zu ihrer Großmutter, ihren Onkeln und Tanten hatten. Diese familiäre Nähe hat ihnen sehr gutgetan.
Dann haben wir als Eltern versucht, sie durch verschiedene Aktivitäten in das neue Leben einzubinden – durch Musik, Spiele, Fahrradtouren und gemeinsame Ausflüge. Das hat ihnen geholfen, Sicherheit und ein Gefühl von Zugehörigkeit zu entwickeln. Jonathan ist nun zehn Jahre alt und Benjamin fast acht. Beide treiben Sport im Verein, unter anderem Fußball und Jiu-Jitsu. Manchmal vermissen sie ihr ugandisches Zuhause und das ugandische Essen. Aber im Großen und Ganzen erleben wir, wie gut sie sich integriert haben – und das macht uns sehr glücklich.
Hilfreich war aber auch, dass sich die ganze Familie als sehr flexibel und beharrlich und als – man muss schon sagen – sehr belastbar gezeigt hat. Wir mussten oft improvisieren, Dinge neu organisieren und uns immer wieder an neue Situationen anpassen. Rückblickend war genau das wahrscheinlich unsere größte Stärke in dieser Zeit.
Haben sich durch den Umzug auch familiäre Strukturen und Rollen verändert?
Ja, auf jeden Fall. Durch den Umzug hat sich unsere familiäre Dynamik deutlich verändert. Irene hat bei AGIAMONDO eine Vollzeitstelle und so mussten wir unsere Aufgaben ganz neu aufteilen. Für mich war die Anfangszeit ohne eigenes Einkommen auch schwierig, da ich es gewohnt war, finanziell unabhängig zu sein. Das waren deutliche Umstellungen, aber letztlich hat es uns als Familie auch gestärkt.
Ich habe deutlich mehr Zeit für die Kinderbetreuung eingeplant – etwa um sie morgens in den Kindergarten zu bringen, nachmittags abzuholen, Hausaufgaben oder Aktivitäten zu begleiten. Während der Dienstzeit in Uganda war vieles einfacher, dort hatten wir familiäre Unterstützung, eine Tagesmutter und andere Strukturen im Alltag.
Daher war es für mich besonders wichtig, meine Arbeit flexibel gestalten zu können – so war etwa die Option Homeoffice eine große Hilfe, um schnell auf familiäre Bedürfnisse reagieren zu können.
Welche Tipps würden Sie anderen mit-reisenden Partner*innen und Rückkehrer*innen für die Vorbereitung der Rückreise und das Einleben in Deutschland mit auf den Weg geben?
Ich glaube, das Wichtigste ist, realistisch und gleichzeitig offen zu bleiben. Der Anfang ist selten einfach – man braucht Geduld, Resilienz und Zusammenhalt in der Familie. Wer bereits Kontakte in Deutschland hat, sollte sie unbedingt frühzeitig aktivieren und nutzen. Diese Netzwerke können eine große Unterstützung sein.
Ich würde auch allen raten, sich einer Gemeinschaft anzuschließen – ob es nun eine Kirche, ein Sportverein oder eine lokale Initiative ist. Das schafft nicht nur soziale Kontakte, sondern gibt auch emotionalen Halt.
In unserem Fall hat es sich als sehr hilfreich erwiesen, dass zu Beginn ein Familienmitglied gearbeitet und das andere sich etwas stärker auf die Kinder und die Organisation des Alltags konzentriert hat. Für die Kinder sind Freizeitaktivitäten sehr wichtig – sie helfen ihnen, Freundschaften zu schließen und sich schnell zuhause zu fühlen.
Rückblickend würde ich mir wünschen, manches früher zu wissen und umzusetzen – aber letztlich ist jede Erfahrung ein Lernprozess.
Herr Mukasa, wir danken Ihnen für das Gespräch!