Interview:

Der Zivile Friedensdienst ist gut etabliert

Marie Becher arbeitet im Team Ziviler Friedensdienst bei „Brot für die Welt“. Außerdem ist sie Sprecherin des Konsortiums Ziviler Friedensdienst, in dem die neun Trägerorganisationen des ZFD in Deutschland zusammen­geschlossen sind.

www.ziviler-friedensdienst.org

Frau Becher, seit nunmehr 25 Jahren gibt es den „Zivilen Friedensdienst“, ein Programm für Gewaltprävention und Friedensförderung in Krisen- und Konfliktregionen. Wie hat sich das Programm seit seinem Start 1999 entwickelt?

Im Geburtsjahr des ZFD 1999 waren die Hoffnungen auf eine friedlichere Welt in Europa angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen in den Gebieten Ex-Jugoslawiens ähnlich gedämpft wie heute. Trotzdem herrschte damals Aufbruchstimmung unter Friedensbewegten und bei engagierten Personen im BMZ. Der Slogan der Stunde lautete: Frieden braucht Fachleute! Fachleute, die – anders als das Militär – dazu beitragen können, die Ursachen von Gewaltkonflikten anzugehen.

In den ersten Jahren hat der ZFD zunächst in einzelnen Projekten Erfahrungen gesammelt. Im weiteren Verlauf hat sich dann der programmatische Charakter des ZFD geschärft. Heute arbeiten wir langfristig auf Grundlage von übergreifenden Länderstrategien mit Netzwerken von Partnerorganisationen. Und dabei verfolgen wir grundsätzlich einen integrierten Ansatz: Die Entsendung von Friedens-Fachkräften, die den Kern des ZFD ausmacht, ist stets eingebettet in eine breit aufgestellte Zusammenarbeit mit unseren Partnern vor Ort.

Mit dieser programmatischen Ausrichtung ist die Anerkennung des ZFD in der politischen Landschaft – vor allem im BMZ und im Bundestag – gewachsen. So hat die Bundesregierung den ZFD in ihren Leitlinien für Krisenprävention gewürdigt. Und wenn heute Abgeordnete parallel zum Sondervermögen für die Bundeswehr auch die Festlegung von zivilen Planzielen fordern, dann setzen sie dabei immer auf den ZFD als etabliertes Instrument.

Was konnte der ZFD bisher erreichen?

Wir konnten in den 25 Jahren über 1800 Friedensfachkräfte in mehr als 60 Länder entsenden. 2023 stand uns ein Budget von 85 Millionen Euro zur Verfügung. Damit fördern wir 580 lokale Partnerorganisationen, über 700 lokale Fachkräfte und 280 Friedensnetzwerke. Diese Förderung hat dabei immer drei Säulen: zum ersten die finanzielle Unterstützung von Aktivitäten und lokalem Personal von Partnerorganisationen vor Ort, dann die Entsendung von Fachkräften und zum dritten die Netzwerkunterstützung.

Können Sie einige konkrete Beispiele nennen, an denen der Erfolg des ZFD sichtbar wird?

Da möchte ich zuerst Kolumbien nennen: Dort konnten ZFD-Partnerorganisationen Einfluss auf die Friedensverhandlungen nehmen. Ein breites Bündnis aus Zivilgesellschaft und kirchlichen Gruppen setzte durch, dass die Anliegen afrokolumbianischer und indigener Bevölkerungsgruppen als eigenes Kapitel in den Friedensvertrag aufgenommen wurden.

Im Kambodscha haben ZFD-Partner dafür gesorgt, dass das Tribunal für Kriegsverbrechen die Zwangsehe als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt hat.

In Kamerun konnten ZFD-Partnerorganisationen erreichen, dass die traditionellen Königshäuser, die dort einen großen Einfluss haben, nun auch Frauen als Beraterinnen zulassen.

Und zwei Beispiele vom Balkan: In Mazedonien erreichten ZFD-Partner, dass multi-ethnische Bildung heute zum festen Bestandteil des Lehramtsstudiums an allen staatlichen Universitäten gehört. In einem anderen ZFD-Projekt arbeiten dort Kriegsveteranen als Friedensaktivisten. In Gedenkstätten bieten sie Veranstaltungen an, erzählen ihre Geschichten und machen deutlich, wie wichtig es ist, den Frieden zu verteidigen.

In 25 Jahren haben alle Beteiligten sicherlich viel gelernt. Welche spezifischen Kompetenzen wurden hier und in den Partnerländern aufgebaut?

Alle Beteiligten in den Projektländern, die Fachkräfte und auch wir hier in den Geschäftsstellen haben Kompetenzen aufgebaut, die ich Capacities for Peace nenne. Dazu zählen: die Bereitschaft, Konflikte zu thematisieren, Analysefähigkeit, strategisches Denken, Dialogfähigkeit, Empathie und Reflexionsvermögen. Wir haben gelernt, Allianzen für den Frieden zu schmieden und auch – ganz wichtig – mit Kernthemen wie Traumatisierung und extremer Belastung umzugehen.

Hinzu kommen viele spezifische Fachkompetenzen, die mit den konkreten Einsatzfeldern zusammenhängen – etwa in den Bereichen Entwaffnung und Reintegration, Dialog und Mediation, Flucht und Migration, Pädagogik, Journalismus, Menschenrechte, Religion und ganz wesentlich auch zum Thema Vergangenheitsarbeit.

Die Träger des ZFD und die Partnerorganisationen arbeiten gemeinsam an Fachthemen und Methoden der Friedens- und Konfliktarbeit. Es gibt Konferenzen und andere Austauschformate. Wie funktioniert das und wie werden die Ergebnisse genutzt?

Der ZFD organisiert regelmäßig Fachaustausche. Im Oktober 2024 bringen wir beispielsweise zum Thema Environmental Peace Building Partnerorganisationen, Fachkräfte und Aktivist*innen aus 20 Ländern zusammen, um gemeinsam an der Schnittstelle „Umwelt-, Klimakrise und Gewaltkonflikte“ zu arbeiten. Die Ergebnisse fließen in unsere Projekte ein, werden von uns im Konsortium ZFD aber auch in den politischen Raum hier in Deutschland getragen.

Unser Eindruck ist, dass die Relevanz der Peace Building Community im Kontext Klima-/Umweltkrise viel sichtbarer gemacht werden muss. Wir erleben ja, dass diese Thematik überall Gesellschaften spaltet und zunehmend polarisiert. Und da sind unsere Erfahrungen wertvoll, wie man gegen Polarisierungen vorgehen und Gruppen mit verschiedenen Interessen überhaupt in gemeinsames Handeln bringen kann.

Es gibt im ZFD eine wichtige politische und strategische Arbeit. Wie werden die Schwerpunkte gesetzt und was steht aktuell im Fokus?

Die strategische Entwicklung des ZFD funktioniert meistens bottom-up: In der Arbeit vor Ort und in der Analyse der Konflikte ergeben sich die Bedarfe und Anliegen. Derzeit beschäftigen uns neben der Klima- und Umweltkrise insbesondere Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und die Diskussion um feministische Ansätze.

Seit Beginn des ZFD sind Frauen und andere marginalisierte Gruppen wesentliche Zielgruppen für uns und unsere Partnerorganisationen. Das liegt nicht daran, dass diese von Natur aus friedfertiger sind. Aber patriarchale Machtstrukturen sind häufig Auslöser für Konflikte, und die Frauen und betroffenen Gruppen wissen oft, dass Frieden nur möglich wird, wenn sich Geschlechterrollen ändern.

Ein Schwerpunkt ist auch die Auseinandersetzung mit Rassismus und dem kolonialen Erbe. Wir sehen hier dringenden Bedarf und Veränderungspotenzial – auch innerhalb des ZFD. Es geht darum, die eigene Haltung und Werte individuell und im Dialog mit den Partnern zu reflektieren, Machtverhältnisse zu analysieren und auch eigene unbewusste rassistische oder diskriminierende Prägungen zu erkennen.

Ein großer Erfolg ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass es seit zwei Jahren möglich ist, auch so genannte Süd-Nord-Fachkräfte aus den Partnerländern nach Deutschland zu vermitteln, so dass der ZFD keine „Einbahnstraße“ mehr ist.

Sie brauchen hunderte Fachkräfte für die unterschiedlichsten Projekte und Länder weltweit. Welchen Hintergrund bringen diese mit?

Unsere Fachkräfte kommen aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern: Journalismus, Psychologie, soziale Arbeit bis hin zu Jura. Wichtig ist, dass sie über eine mehrjährige Berufserfahrung verfügen. Außerdem sollten sie belastbar sein und große zwischenmenschliche und interkulturelle Kompetenz mitbringen.

Die konkreten Stellenprofile entwickeln wir immer gemeinsam mit lokalen Partnern. ZFD-Stellen werden dann sehr breit auf vielen Portalen ausgeschrieben, nicht nur in Deutschland. Seit zwei Jahren entsenden wir auch Fachkräfte unabhängig von deren Staatsangehörigkeit.

Wichtig ist noch: In den letzten Jahren hat sich das Ausbildungsangebot zum Thema „Frieden und Konflikt“ enorm vergrößert. Das freut uns natürlich sehr. Ich möchte aber betonen, dass wir auch sehr gute Erfahrungen mit Fachkräften machen, die sich spezifische Kompetenzen etwa im Bereich Konfliktanalyse und -bearbeitung erst während ihrer Vorbereitung oder auch ihres Einsatzes aneignen.

Wenn Sie auf die vielen Krisenherde und die aktuelle Weltlage schauen: Wo liegen die Stärken und Potenziale des ZFD?

Unser Blick auf Krisenherde nimmt ja oft nur die Makro-Ebene wahr – Politik, Blockaden im Sicherheitsrat und scheiternde Verhandlungen. Der ZFD arbeitet aber auf der Meso-Ebene, also beispielsweise in Kommunen, Provinzen oder Bundesstaaten. Dort gibt es oft große Spielräume für positive Veränderungen, für Dialog, Mediation und Prävention.

Es ist immer wieder überraschend: Auch in Regionen, die schon lange unter Gewalt und Konflikten leiden, gibt es viele Menschen und Organisationen, die Frieden stiften und leben wollen. Die bleiben in der internationalen Diskussion oft unsichtbar und werden zu wenig unterstützt. Dies ist ein Ansatzpunkt für den ZFD. Dass dieser auf dieser Meso-Ebene erfolgreich ist, hängt dann stark mit der Entsendung von Fachkräften zusammen. Die sorgen für enge persönliche Beziehungen zwischen lokalen Organisationen und Trägern/Unterstützern, was zu nachhaltigen Entwicklungen führt und zu einer besseren Kenntnis und Wahrnehmung beispielsweise zivilgesellschaftlicher Kräfte auch außerhalb der Hauptstädte oder Zentren von Konfliktländern.

Im Zuge der noch andauernden Kriege in der Ukraine und in Israel / Palästina wurden Fachkräfte des ZFD evakuiert. Was bedeutet das dann für die Zusammenarbeit? Kann diese fortgesetzt werden?

Die Evakuierung von Fachkräften, die leider in den letzten Jahren zugenommen hat, ist für alle Beteiligen ein einschneidender und sensibler Moment. Inzwischen konnten wir gemeinsam mit dem BMZ relativ flexible Regeln entwickeln, die es erlauben, dass Fachkräfte auch aus Nachbarländern oder dem Heimatland die Partnerorganisationen weiter unterstützen können. Wir haben in der Ukraine, in Myanmar oder im Sudan die Erfahrung gemacht, dass das zwar Übergangslösungen sind, deren Wirkung aber nicht zu unterschätzen ist. Für die Partner in diesen existenziellen Krisensituationen ist es von enormer Bedeutung, dass die Zusammenarbeit nicht völlig zusammenbricht und dass sie sich nicht allein gelassen fühlen.

Hinzu kommt, dass ZFD-Fachkräfte die Partnerorganisationen auch bei Themen wie Sicherheitsmanagement und Umgang mit Trauma unterstützen, was in akuten Krisen ja von besonderer Relevanz ist.

Auch für die Fachkräfte selbst ist das wichtig: Die wollen fast ausnahmslos weiterarbeiten und haben das Gefühl, ihre Partnerorganisationen sonst „im Stich zu lassen“.

Das BMZ beschreibt den ZFD als Erfolgsmodell der Kooperation von staatlichen und nicht staatlichen Trägern. Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit und was macht sie so erfolgreich?

Der wesentliche Erfolgsfaktor ist sicherlich, dass das BMZ und die Träger den ZFD wirklich als ein gemeinsames Projekt verstehen, das sie mit großem politischem Engagement und viel Herzblut kontinuierlich weiterentwickeln. Dazu sind wir auch ständig im Gespräch. Beide Seiten verstehen sich als EIN Netzwerk mit einem gemeinsamen Interesse. Und das geht von der strategischen Weiterentwicklung des ZFD bis zu ganz praktischen Fragestellungen: Bei Problemen – Evakuierung von Fachkräften, Bedrohung lokaler Akteur*innen, Blockade von Finanztransfers an Partnerorganisationen und so weiter – finden wir im BMZ einen hilfreichen Partner und wissen: Die werden ihr Möglichstes tun, um die Weiterarbeit sicherzustellen. Das ist enorm hilfreich.

Was braucht der ZFD jetzt, um seine Arbeit auch langfristig sichern und weiterentwickeln zu können?

Wir brauchen Fachkräfte, die bereit sind, diesen Dienst zu leisten und sich auf dieses „Gemeinschaftswerk“ einzulassen. Wir brauchen die politische Unterstützung der Bundesregierung, um gerade auch in repressiven und autoritären Kontexten weiterarbeiten zu können. Und natürlich brauchen wir auch die entsprechenden finanziellen Mittel. Derzeit ist der ZFD in 45 Ländern aktiv, die meisten Programme sind unterfinanziert. Hätten wir mehr Mittel, dann könnten wir unsere Engagements in der Ukraine, in der Sahelregion am Horn von Afrika oder in Zentralamerika verstärken. Und deshalb fordern wir auch bis 2030 einen Mittelaufwuchs auf 200 Millionen Euro.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Becher.

 

Das Interview ist im April 2024 in der AGdD Publikation "Entwicklungsdienst – mehr als nur ein Job" erschienen, das Interview führte Dieter Kroppenberg