Buchempfehlung

Toni Morrison: Rezitativ

Von Ulrike Purrer (Juli 2026)

Zwei Mädchen lernen sich im Kinderheim kennen und werden Freundinnen, doch das Leben führt sie auf unterschiedliche Wege. Jahre später treffen sie sich als erwachsene Frauen zufällig wieder – bei einem Abendessen, beim Einkaufen und schließlich auf einer Demonstration. Dabei werden ihre gesellschaftlichen und politischen Unterschiede mehr als deutlich. Dennoch fühlen sich beide durch ihre gemeinsame Vergangenheit tief verbunden. 

Soweit der Plot. Doch Toni Morrisons brillante Erzählung „Rezitativ“ ist mehr als die Geschichte einer vielschichtigen Freundschaft. Im Kern geht es um Rassismus, Klassenzugehörigkeit und deren Konsequenzen. Von Anfang an wissen wir, dass eines der Mädchen schwarz und das andere weiß ist, aber wer ist wer? 

Ohne die Frage der Hautfarbe je aufzulösen, spielt die Nobelpreisträgerin auf jeder Seite klug und schonungslos mit der Wahrnehmung ihrer Leserschaft. Auf entwaffnende Weise konfrontiert sie uns mit vorschnellen Zuschreibungen und dem Drang, die Figuren eindeutig einordnen zu wollen. Hinweise zu Beruf und Religiosität, Freizeitverhalten, Frisur oder Kleidung scheinen zunächst Klarheit zu schaffen, entlarven aber bereits im nächsten Moment unsere eigenen Vorurteile. Durch ihre narrative Mehrdeutigkeit wird die Geschichte zu einem Spiegel, vor dem wir unsere eigenen Annahmen über Herkunft, Identität und Erinnerung zu hinterfragen eingeladen werden.

„Rezitativ“ erschien erstmals 1983 in der Anthologie “Confirmation: An Anthology of African American Women” und liegt nun seit 2023 endlich auch auf Deutsch vor. Eine bemerkenswert aktuelle Kurzgeschichte, die ich nur wärmstens empfehlen kann!


Empfohlen von Ulrike Purrer

Portrait von Ulrike Purrer, einer Frau mit blonden, zurückgemachten Haaren und braunen Augen. Sie trägt eine schwarze Bluse und steht vor einer bunten Wand.

Ulrike Purrer ist Theologin, Hispanistin und promovierte Historikerin. Von 2012 bis 2025 war sie in Kolumbien (Comundo/AGIAMONDO). Dort leitete sie über 12 Jahre das Centro Afro, ein Jugendzentrum und Schutzraum für Jugendliche, im Viertel Nuevo Milenio. 

Anfang 2026 ist sie erneut als AGIAMONDO-Fachkraft nach Kolumbien ausgereist, diesmal in die Nähe von Cartagena an der Karibikküste.