Buchempfehlung
Keinheimisch: Kindheit in Israel, Leben in Deutschland von Tomer Dotan-Dreyfus
Von Michael Gschlößl (Juni 2026)
Tomer Dotan-Dreyfus’ Keinheimisch: Kindheit in Israel, Leben in Deutschland ist ein zutiefst politisches Buch, das persönliche Erinnerung und historische Verantwortung untrennbar miteinander verbindet. In seiner kritischen Auseinandersetzung mit Deutschland, dem Zionismus, der israelischen Staatsgeschichte und der bis heute wirksamen Nakba mit einschneidenden Folgen für die palästinensische wie auch die israelische Gesellschaft begibt sich der Autor auf die Suche nach Heimat und Identität.
Ausgehend von seiner Kindheit in Israel und seinem späteren Leben in Deutschland beschreibt Dotan-Dreyfus das Gefühl, weder hier noch dort wirklich heimisch zu sein. Dieses „Keinheimischsein“ ist jedoch nicht nur individuell, sondern politisch bedingt. Der Autor hinterfragt die zionistischen Gründungsnarrative, mit denen er aufgewachsen ist, und legt offen, wie Verdrängung, Schweigen und Normalisierung von Gewalt Teil der israelischen Alltagskultur wurden. Besonders eindrücklich ist seine Auseinandersetzung mit der Nakba, die nicht als historisches Randereignis, sondern als fortdauernde Realität Palästinas sichtbar wird – eine Realität, die auch jüdische Biografien prägt, selbst wenn sie lange ausgeblendet bleibt.
Dotan-Dreyfus verbindet familiäre Geschichte mit politischer Analyse. Er schreibt über Verantwortung, Schuld und Mitwissen und darüber, wie schwer es ist, sich von nationalen Mythen zu lösen, ohne den eigenen Halt zu verlieren. Sein Blick auf Palästina ist dabei weder abstrakt noch ideologisch, sondern konsequent menschlich: Es geht um Leben, um zerstörte Kontinuitäten und um die Frage, wer erzählen darf und wessen Geschichte gehört wird.
Auch der Blick auf Deutschland beleuchtet die sensibelsten Stellen deutscher Identität. Der Autor reflektiert die deutsche Erinnerungskultur, den Umgang mit Antisemitismus und Kritik an israelischer Politik sowie die Grenzen solidarischer Debatten. Keinheimisch zeigt, wie sehr politische Positionen den eigenen Körper, die Sprache und den Alltag durchdringen.
Dieses Buch ist eine dringende Empfehlung für alle, die sich tiefgründig mit Israel, Palästina, Zionismus und Erinnerungspolitik auseinandersetzen wollen. Keinheimisch ist unbequem, klug und mutig – und gerade deshalb eine notwendige Lektüre.
Über den Autor der Rezension
Michael Gschlößl ist Regionalkoordinator in Palästina und Israel für den Weltfriedensdienst e.V. Er hat Psychologie und Konfliktforschung in Deutschland, dem Libanon und Israel studiert. Bevor er 2023 seine Stelle beim Weltfriedensdienst antrat, arbeitete er in verschiedenen NGOs in Köln, Bonn und Haifa zu den Themen politische Bildung, Soziales und Interkulturelles Lernen sowie Konfliktprävention. Über seine Verbindung zum Thema des Buches sagt er:
„Auf meiner Suche nach mutigen Stimmen in Deutschland, die sich der zunehmenden Unterdrückung eines kritischen Diskurses zu Palästina und Israel entgegenstellen, war Dotan-Dreyfus ein seltener Lichtblick. Seine Präsenz in den sozialen Medien und in öffentlichen Veranstaltungen zeugt(e) von Solidarität für Unterdrückte und dem Streben nach einem gerechtem Frieden – eine Perspektive, die in Deutschland zusehends angegriffen wird. Sein Buch fasst viele der kritischen Punkte zusammen, die ich in meiner täglichen Arbeit erlebe, die aber im deutschen Diskurs größtenteils unsichtbar gemacht werden.“