Buchempfehlung
Ingo Dachwitz, Sven Hilbig: Digitaler Kolonialismus. Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen
Von Ute Braun
„We will fix it!“ – Das ist das Heilsversprechen von Big Tech, den marktbeherrschenden US-amerikanischen Digitalkonzernen. Sie versprechen, die Menschheit mit Hilfe ihrer Technologien von Mangel, Krisen und Unfreiheit zu erlösen. Konkret bedeutet das: durch globale Digitalisierung und den großflächigen Einsatz Künstlicher Intelligenz.
Unsere Skepsis gegenüber der überwältigen Macht der großen US-Tech-Konzernen konzentriert sich in der Regel auf Datenschutz, Überwachung und die Sorge um die „digitale Souveränität“ Deutschlands und Europas. Dabei bleibt ein zentraler Aspekt häufig unbeachtet: die Auswirkungen der Digitalisierungsexpansion der Big Five (und ein paar anderer Global Players) auf den Globalen Süden.
Dieser „blinde Fleck“ betrifft insbesondere die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen, die hinter den digitalen Infrastrukturen stehen: Die KI-Industrie basiert auf der Arbeit von Hunderttausenden sogenannten Datenarbeiterinnen und Content-Moderatorinnen, aus dem Globalen Süden. Das ist hierzulande wenig bekannt. Dies gilt auch für den Charakter der von den Tech-Konzernen geschaffenen und dominierten Infrastrukturen, die ausschließlich dem möglichst ungestörten Zugang zu den Ressourcen und deregulierten Absatzmärkten dient. Damit folgen die Tech-Konzerne den im historischen Kolonialismus geschaffenen Mustern der Ausbeutung von Abhängigkeit und Ungleichheit mit den Mitteln des Datenkapitalismus.
Für diese aktuellen technischen Entwicklungen hat sich der Begriff „Digitaler Kolonialismus" etabliert. Das gleichnamige Buch der Autoren Ingo Dachwitz (netzpolitik.org) und Sven Hilbig (Brot für die Welt) richtet den Blick auf den Globalen Süden, auf dessen Rücken der Wettkampf der neuen Kolonialherren um Profite und Macht ausgetragen wird.
In sieben Kapiteln wird – spannend wie ein Krimi, gut verständlich und faktenreich - beschrieben, was konkret unter „digitalem Kolonialismus" zu verstehen ist und welche Bereiche betroffen sind:
1. Arbeitskraft: Die ausgebeuteten Arbeiter*innen hinter der Künstlichen Intelligenz
2. Daten: Gefährlicher Extraktivismus der Tech-Konzerne
3. Rohstoffe: Digitaler Fortschritt auf Kosten von Menschen und Natur
4. Repression: Das blutige Geschäft mit Zensur, Überwachung und Kontrolle
5. Infrastruktur: Wie Kabel- und Satellitenprojekte die Abhängigkeit des Globalen Südens aufrechterhalten
6. Geopolitik: Wie sich das Wettrennen der digitalen Großmächte USA und China auf den Globalen Süden auswirkt
7. Europa: Das falsche Versprechen vom Dritten Weg der Digitalisierung
Das Buch entlarvt den Big Tech-Mythos der Menschheitserlösung durch Technologie. Keine große Überraschung, denn: schließlich leben wir immer noch in einem globalen Wirtschaftssystem, das nur durch die Ausbeutung von Ressourcen auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Bereichen funktioniert.
Hochspannend und verständlich stellen die Autoren - gerade auch für die nicht so tech-affinen Leser*innen - die verschiedenen, technisch durchaus komplexen Bereiche und Sachverhalte und deren Fortschritt dar.
Neben der gut aufbereiteten Informationsfülle zeichnet das Buch übergreifend aus, dass die Autoren konsequent die Perspektive des Globalen Südens einnehmen. Zahlreiche Akteure und NGOs des Globalen Südens – Wissenschaftler*innen, Politiker*innen, Aktivist*innen, Betroffene – kommen zu Wort; nicht nur als Betroffene, sondern auch in ihren Aktivitäten und ihrer Suche nach Organisationsformen, dem "Digitalen Kolonialismus" etwas entgegenzusetzen.
Empfohlen von Ute Braun
Ute Braun ist Agrarsoziologin und hat zwischen 1992 und 2007 insgesamt 15 Jahre im Globalen Süden gearbeitet: Sie war u.a. viele Jahre mit dem ded und der Welthungerhilfe im Tschad, Guatemala und Haiiti. Für kürzere Einsätze reiste sie nach Indien, Niger und Nicaragua. Als Programm- bzw. Länderreferentin in der Regionaldirektion Asien & Lateinamerika war sie anschließend in der Bonner Zentrale der Welthungerhilfe für verschiedene Länder/Querschnittsthemen zuständig.