Themrise Khan, Dickson Kanakulya und Maïka Sondarjee (Hrsg.)

White Saviorism in International Development

Es gibt nicht so viele Bücher, die einen ganzen Arbeitsbereich entkleiden. Und vor allem gar nicht so viele über International Development. Dieses Buch sollte jeder Person in die Hand gedrückt werden, die in dem Bereich tätig ist. Beim Lesen musste ich immer wieder an Räume der internationalen Zusammenarbeit denken, die ich selbst erlebt habe: an die Sprache von „Hilfe“, an gut gemeinte Projekte, an Hierarchien und Machtgefälle, die selten benannt werden, obwohl sie den gesamten Raum der „Zusammenarbeit“ strukturieren.

Was dieses Buch so kraftvoll macht, ist seine multiperspektivische, praxisbasierte Auseinandersetzung mit der historischen Komplexität von „White Saviorism“ sowie mit sichtbaren und unsichtbaren Dynamiken weißer Vorherrschaft in dem Bereich. Die Kraft des Buches habe ich vor allem in der klaren Sprache und den deutlichen Beispielen wahrnehmen können. Das Buch stellt die Fragen: Wer darf „helfen“ und warum? Wer gilt als Expert*in? Und warum werden Menschen aus dem Globalen Süden so oft zu Empfänger*innen von Lösungen gemacht, anstatt die politischen und intellektuellen Akteur*innen sein zu dürfen, die sie sind?

Entwicklungshilfe und koloniale Kontinuitäten hinterfragen

White Saviorism in International Development versammelt Essays, Erfahrungsberichte und Analysen von Autor*innen aus dem Globalen Süden. Herausgegeben wurde der Sammelband von Themrise Khan, Dickson Kanakulya und Maïka Sondarjee. In insgesamt 18 Kapiteln schreiben Forscher*innen und Praktiker*innen über die historischen Wurzeln von White-Savior-Logiken, persönliche Erfahrungen innerhalb der „Entwicklungsindustrie“ und mögliche Ansätze für alternatives Handeln. Die Beiträge greifen Beispiele aus Afghanistan, Haiti, Pakistan und vielen weiteren Kontexten auf und zeigen, wie tief koloniale Kontinuitäten internationale Zusammenarbeit bis heute prägen.

Die Texte setzen sich mit Macht, Rassismus, Expert*innentum, Abhängigkeiten und der Frage auseinander, warum „Hilfe“ oft bestehende Hierarchien reproduziert und befestigt, statt sie zu transformieren. Besonders eindrücklich ist, dass das Buch Theorie mit gelebten Erfahrungen verbindet. Es geht um konkrete Realitäten, die mit wichtigen Theorien untermauert werden: unterschiedliche Gehälter zwischen lokalen Mitarbeitenden und Expats, die romantisierte Vorstellung des „Helfens“, paternalistische Projektlogiken oder die Art, wie westliche Institutionen bestimmen, welches Wissen, welche Erfahrungen legitim erscheinen. Dabei bleibt das Buch nicht bei individuellen Geschichten, vereinzelten Beispielen oder Projekten stehen

Pflichtlektüre für die internationale Zusammenarbeit

Dieses Buch sollten eigentlich alle lesen, die in der internationalen Zusammenarbeit, Entwicklungszusammenarbeit, humanitären Hilfe oder Friedensarbeit tätig sind oder tätig sein möchten. Nicht, weil es einfache Antworten liefert, sondern weil es viele der Selbstverständlichkeiten dieses Feldes erschüttert.

Es ist besonders wertvoll für Menschen, die lernen möchten, weiße paternalistische und auch „maternalistische“ Dynamiken zu erkennen, die eigene Position kritisch zu reflektieren und internationale Zusammenarbeit machtkritischer zu gestalten. Ein unbequemes, notwendiges und längst überfälliges Buch.
 

“White Saviorism in International Development”, Themrise Khan, Dickson Kanakulya und Maïka Sondarjee (Hrsg.), DarajaPress, 2023