Solidarische Landwirtschaft

Im Einsatz für nachhaltige, regionale und saisonale Lebensmittel

Nicola Maier

Wir haben fünf Jahre mit unseren vier Kindern naturverbunden in der Cordillera, einer Bergregion der Philippinen, gelebt. Auf dem Markt haben wir bewusst bei den Bäuerinnen regionale und saisonale Produkte gekauft.

Zurück in Deutschland leben wir nun seit zwei Jahren in der Lebensgemeinschaft Vauß-Hof bei Paderborn, dem Bio-Bauernhof einer befreundeten Familie mit Mutterkuhhaltung und einer Solidarischen Landwirtschaft, kurz „Solawi“. Wir beackern zusammen mit anderen Genossenschaftsmitgliedern eine Fläche für Gemüse im Freiland und in vier Folientunneln. Jede Woche holen fast 100 Familien ihren Ernteanteil an der Solawi ab. Diese Woche gab es beispielsweise Grünkohl, Postelein, Karotten und Kartoffeln.

Alle leisten ihren Beitrag

Die Zusammenarbeit in der Solawi erinnert uns an das ugugfu-Prinzip. Das ist eine kooperative Form der Nachbarschaftshilfe in der Cordillera, bei der in einem Dorf alle Bauern die Flächen gemeinsam bewirtschaften. Somit setzen wir hier in Deutschland unseren nachhaltigen Lebensstil aus den Philippinen fort. In der Solawi investieren wir in den Anbau vor Ort, nicht in die Ernte.

So gut, wie wir es eben können, leisten alle ihren tatkräftigen Beitrag bei der Aussaat, beim Unkrautjäten, beim Reparieren vom Hasenzaun, beim Herstellen von Kompost, beim Wässern und schließlich bei der Ernte. Letztendlich ist natürlich für unseren Erfolg auch immer das Wetter mit verantwortlich. Ist der Sommer sehr trocken oder verregnet, schläft nicht nur der Gärtner schlecht, es machen sich alle Gedanken um mögliche Ernteausfälle.

Entschleunigen und staunen

Die Solawi ist auch Lernort für Schulklassen oder Erwachsenengruppen. In der Bildungsarbeit ist mir wichtig, dass die Menschen entschleunigt unterwegs sind, die Natur selber mit Staunen entdecken und mit ihren Händen begreifen. Sie erfahren so ganz praktisch den Zusammenhang von Anbau und Ernte und Besonderheiten, wie den Einsatz von natürlicher Schädlingsbekämpfung und Bodendüngung. Wenn sich die Becher so langsam mit handverlesenen Kartoffelkäfern füllen, müssen sie sich mit der Frage auseinandersetzen, was anschließend mit diesen zu tun ist – und was sonst mit den Käfern auf den konventionellen Kartoffeln passiert.

Das Arbeiten mit allen Sinnen auf dem Acker bewirkt bei Kindern wie Erwachsenen so viel mehr als eine Stunde Bio-Unterricht oder ein Fernsehbeitrag. Und nach einem Ernteeinsatz beißen selbst größte Gemüseverweigerer genüsslich in einen Kohlrabi.

Geduld und Offenheit gefragt

Ich „bespiele“ die Solawi auch immer wieder als praktischen Lernort für das Thema „Klimagerechtigkeit“. Ein Kinderspiel ist eine Solawi allerdings nicht. Es verabschieden sich Genossenschaftsmitglieder, weil es oft nicht einfach ist, das saisonale Gemüse aus der Region auf dem heimischen Küchentisch allen Familienmitgliedern schmackhaft zu machen. Das ist ein langer Weg und es braucht die Offenheit der ganzen Solawi-Gemeinschaft: Interessierte müssen oft erst einmal herangeführt werden und man muss ihnen eine Chance geben, diesen Solawi-Ansatz zu Hause zu verhandeln.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle alle ermutigen, einer Solidarischen Landwirtschaft irgendwo auf der Welt beizutreten. So können wir ganz konkret dafür sorgen, dass das Land vor unserer Haustür nachhaltig bewirtschaftet wird. Und wir können gemeinsam mit anderen die globalen Zusammenhänge solidarisch begreifen und gestalten.

Von 2012 bis 2017 waren Nicola und Christian Maier als Fachkräfte der Entwicklungszusammenarbeit mit ihrer Familie in den Philippinen.

 

Nicola Maier war von 2012 bis 2017 auf den Philippinen (erschienen in transfer Ausgabe 1/2020)