„Keine bleibenden Schäden“

Heiko Schwarz

Warum sollte man niemals einen Brief mit rotem Filzstift schreiben? Wie wirkt es sich auf den Biorhythmus aus, wenn die Moschee um die Ecke neue Lautsprecher einweiht? Was tun, wenn einem ein Fremder eine Dose Kieselsteine schenkt? Wie überlebt man als Geisterfahrer bei der Rallye Dakar? Und vor allem: Was passiert, wenn ein Stubenhocker und dessen Gemahlin mit einem Intensivkurs Französisch druckbefüllt und anschließend in das westafrikanischste aller Länder expediert werden?

Antworten auf diese Fragen liefert das Buch „Keine bleibenden Schäden“. Es erzählt über die ersten drei von insgesamt zehn Jahren, die meine Frau Romy und ich im Bergland des Fouta-Djalon verlebten. Wir arbeiteten in Guinea in der ländlichen EZ in diversen Bildungs- und Gesundheits­projekten. In einem Umkreis von vier Autostunden waren wir die einzigen Portos, deutsch: Weißen. Ideale Bedingung, um ausgiebig Kulturschocks zu durchleben. Und anderen zu verpassen.

Auch in den Projekten trafen unsere nördlichen Erwartungen bisweilen frontal auf die südliche Realität. Für mich gab es zwei Möglichkeiten damit umzugehen: Verbittern oder lachen. Ich entschied mich für das Zweite. Aus Fettnapfauslotungen, interkulturellen Fehlleistungen und Projektbauchlandungen wurden humoristische Rundmails, die von einem wachsenden Empfängerkreis gelesen wurden. Irgendwann kam die erste Rückmeldung: Mach doch ein Buch draus! Nach der vierten Ermutigung machte ich mich an eine Überarbeitung der Geschichten. Und tatsächlich interessierten sich zwei Verlage für das Manuskript.

Was hat mir das Buch gebracht? Viel, in jeder Hinsicht. Das Schreiben hat mein Leben bereichert. Nicht unbedingt monetär, wohl aber durch Begegnungen und Gespräche mit Leuten, die das Buch tatsächlich gekauft haben. Fremde Menschen schrieben mir über ihre „Genau so geht es mir gerade“-Erfahrungen. Nicht zuletzt ist das Buch oder vielmehr das darin beschriebene afrikanische Intermezzo indirekt für meine jetzige Arbeit im höheren Auswärtigen Dienst verantwortlich.

Keine Frage, Schreiben macht mir Spaß. Doch die guineischen Geschichten waren mehr. In mancher Hinsicht vielleicht sogar eine Art Schreibtherapie. Überfälle, Unruhen, Mangelversorgung oder simpler Projektdiebstahl waren leichter zu verdauen, wenn ich daraus eine Geschichte machte. Probleme wurden in eine „gesunde Perspektive“ gerückt. Ich lernte neu, über mich selbst zu lachen.

Mir ist ziemlich gut in Erinnerung, wie ich nach einem Überfall, bei dem ich einige Schläge einstecken musste, abends in meinem Arbeitszimmer saß. Mit Eis an der Stirn und im Whiskeyglas sinnierte ich darüber, was für eine abenteuerliche Story in dem traumatischen Trip steckte und tippte gleich eine erste Version in den Laptop.

Natürlich konnte (und kann) ich nicht über jedes Erlebnis lachen. Manche waren zu schrecklich oder zu traurig. Doch aktives Auseinandersetzen und – nebenbei bemerkt – aktives Vergeben haben mir geholfen, Frieden zu schließen – auch mit den unter­irdischen Zeiten. Am Ende bleiben groß­artige Erinnerungen, ein paar Narben, aber vor allem: keine bleibenden Schäden.

 

Heiko Schwarz war von 2002 bis 2012 in Guinea/Westafrika (erschienen in transfer Ausgabe 1/2017)