Reentry – Wiederankommen nach dem Entwicklungsdienst

In unserer transfer-Ausgabe 01/2017 finden Sie Erfahrungsberichte und weitere Informationen zum Thema Wiederankommen aus dem Entwicklungsdienst. 

Irgendwann ist es so weit: Die Zeit des Entwicklungsdienstes geht zu Ende, die Koffer sind gepackt, Freunde vor Ort verabschiedet, die Arbeit beendet und es geht Richtung Heimat. Wiederankommen – da ist zunächst die Vorfreude auf das Wiedersehen mit der Familie, Freunden und Bekannten, auf bestimmte Annehmlichkeiten, die es weit weg von der Heimat nicht gab, und vielleicht auch vertraute kulturelle Begebenheiten, die man von Kindesbeinen an kennt.

Aber auch Gefühle wie Abschiedsschmerz, Sorge und Unsicherheit begleiten den Rückkehrprozess: Werde ich mich nach so langer Zeit nahtlos wiedereinleben? Wie gestaltet sich die Wohnungs- und Jobsuche? Wie kommen die Kinder mit der Rückkehr zurecht? All dies sind Fragen, die oft aufkommen. Und ebenso wichtig: Die Erfahrungen im Entwicklungsdienst haben mich bereichert, ich bringe neues Wissen mit, vielleicht auch andere Verhaltensweisen – wie kann ich das nach der Rückkehr in meinen Alltag und meinen Lebensstil einbringen? 

Der Rückkehrprozess läuft bei jedem anders ab

Die Rückkehr ist ein individueller Prozess, der bei jedem anders abläuft. Manch Rückkehrender hat kaum Probleme, sich in der alten Heimat wieder einzuleben und fasst schnell Fuß. Bei anderen gestaltet sich die Wiederankunft im Heimatland nicht durchweg positiv. Wer lange in einer anderen als der eigenen Kultur gelebt hat, findet sich mitunter bei der Rückkehr auch mit gemischten Gefühlen wieder und es kommt vor, dass man sich plötzlich fremd in der eigenen Heimat fühlt.

Für dieses Gefühl der Fremde können verschiedene Gründe verantwortlich sein. Man selber hat sich während des Auslandaufenthaltes verändert und möglicherweise eine Distanz zur eigenen Kultur aufgebaut. Neue Erkenntnisse und Sichtweisen und adaptierte Elemente der anderen Kultur tragen dazu bei, dass sich Wahrnehmung und Interpretation der eigenen Kultur während der Abwesenheit verändert haben und nach der Rückkehr nicht mehr mit dem Bild von vor der Abreise übereinstimmen.

Ein Beispiel: Das unterschiedliche Verständnis der Kommunikation verschiedener Kulturen führt bei der Einreise ins Einsatzland oft zu Missverständnissen. Mit der Zeit gewöhnt sich der/die Einreisende daran, passt sich an, indem er sich die Art der Kommunikation zu eigen macht. Wenn er/sie diese neu gewonnene "Verständigungstechnik" bei der Rückkehr mit in die Heimat bringt, kann dies umgekehrt auch hier zu verständnislosen Reaktionen führen – auf beiden Seiten (mehr dazu im Erfahrungsbericht von Ute Steiner).

Während man bei der Ausreise ins Einsatzland auf mögliche Irritationen beim Zusammentreffen mit einer anderen Kultur in der Regel vorbereitet ist, rechnen die meisten nicht damit, ähnliches bei der Rückkehr zu erleben. Denn: Viele gehen davon aus, dass das, was den Rückkehrenden dort erwartet vermeintlich bekannt ist und er/sie nicht unbedingt auf den Gedanken kommt, dass das Wiederankommen in der Heimat Probleme bereitet.

Reintegration als interkultureller Anpassungsprozess

In der Forschung gibt es Theorien, denen zufolge auch die Reintegration als interkultureller Anpassungsprozess betrachtet werden kann, bei dem ähnliche Probleme entstehen können wie beim Einleben in einer fremden Umgebung. Dieser vorübergehende Gefühlszustand mit Gefühlen des Fremdseins, Orientierungslosigkeit, Angst oder Einsamkeit wird in der Literatur als umgekehrter KulturschockReintegrationsschock oder Eigenkulturschock bezeichnet (engl. reverse culture shock, reentry shock). Manche Studien weisen sogar darauf hin, dass die Reintegration im Heimatland schwieriger ist als die Integration im Einsatzland. Ein möglicher Grund: im Unterschied zur Rückkehr ins Heimatland hat man sich vor der Ausreise oft sorgfältig mit der Begegnung mit einer fremden Kultur auseinandergesetzt und darauf vorbereitet. Bei der Rückkehr ins Heimatland erscheint dies oft unnötig und wird deshalb vernachlässigt.

Wie sieht der Eigenkulturschock konkret aus?

Auch wenn Rückkehrerfahrungen individuell verschieden sind, lassen sich doch einige charakteristische Erlebens- und Verhaltensweisen herausfiltern. Wie leicht die Verarbeitung gelingt, ist bei jedem anders und hängt von mehreren Faktoren ab. Eine bedeutende Rolle spielt z.B. die Dauer des Aufenthalts im Einsatzland: Je länger die Abwesenheit, desto länger dauert meistens die Reintegration.

Das Institut für interkulturelles Management (IFIM) ist darauf spezialisiert, Führungs- und Fachkräfte und Mitausreisende auf einen Auslandaufenthalt vorzubereiten. In seiner Forschung beschäftigt es sich neben länderspezifischen gesellschaftlich-kulturell geprägten Unterschieden von Arbeits- und Organisationsformen und Verhaltens- und Kommunikationsmustern, auch mit Rückkehr und Wiedereingliederung (reentry und repatriation) nach einem längeren Auslandaufenthalt. Hier konnten Probleme bei der Reintegration sowohl im beruflichen Kontext als auch im sozialen Umfeld beobachtet werden.

Es zeigte sich, dass Schwierigkeiten besonders dabei auftraten, alte Beziehungen wiederaufzunehmen und neue Kontakte zu knüpfen. Die alte Umgebung und die Daheimgebliebenen scheinen unverändert, wohingegen man an sich selbst Veränderungen und Entwicklungen wahrnimmt. In der Realität haben sich jedoch in der Zwischenzeit auch das Umfeld und die Gewohnheiten im Heimatland, sowie alte Freunde, Bekannte und Familienangehörige verändert. Dies führt dazu, dass Erwartungen und Realität voneinander abweichen.

Reintegration als Neuintegration

Kulturen sind in einem ständigen Wandel begriffen – einige Veränderungen sind offensichtlich, andere offenbaren sich dem Rückkehrenden erst durch die direkte Konfrontation. Dieser Umstand führt dazu, dass die erwartete Reintegration letztendlich eine Neuintegration ist, mit der manch ein Rückkehrer nicht gerechnet hat. Die unerwarteten Veränderungen treten erst nach und nach zutage.

Durch die Andersartigkeit der Erfahrungen kommt es vor, dass sich Rückkehrer von Freunden und Verwandten nicht verstanden fühlen, wenn sie über das Erlebte berichten. Manche haben den Eindruck, dass die Wertschätzung für die gemachten Erfahrungen im Einsatzland fehlt. Andersherum gehen Daheimgebliebene möglicherweise davon aus, dass der Heimkehrer der gleiche ist wie früher - ohne persönliche Veränderungen und Entwicklungen.

Ähnlich wie beim Eingewöhnen im Ausreiseland, kann es auch bei der Heimkehr passieren, dass nach der ersten Eingewöhnungszeit Unstimmigkeiten, die sich aus Unterschieden der Kultursysteme ergeben, in den Vordergrund rücken. Man erfährt, dass sich manche Menschen anders verhalten als man erwartet, eigene Verhaltenswiesen lösen ungewollte Reaktionen aus und es wird klar, dass manches anders ist als vor der Ausreise. Man hat sich entfremdet und genau wie bei der Eingewöhnung im Ausreiseland dauert es seine Zeit, bis die Entfremdung verarbeitet ist (mehr dazu im Erfahrungsbericht von Serge und Karin Agbodja-Prince). 

Hinzu kommt, dass während der Wiedereingewöhnungsphase oft hohe familiäre und organisatorische Belastungen bestehen: Wohnungssuche, die Unterbringung von Kindern in Kindergarten oder Schule und andere bürokratische Anforderungen können das Einleben erschweren. Auch die berufliche Wiedereingliederung ist nicht immer einfach. Manchmal ist die Rückkehr mit dem Bedürfnis verbunden, sich komplett neu zu orientieren – sowohl beruflich als auch privat.

Rückkehr frühzeitig vorbereiten

Früher oder später lässt das Gefühl des Fremdseins in der eigenen Kultur von selbst nach und Rückkehrer fühlen sich in der Regel wieder zuhause. Gewisse Einstellungen und Verhaltensweisen haben sich jedoch für immer verändert, was dazu führt, dass sich viele Rückkehrer ein Leben lang verschiedenen Kulturen zugehörig fühlen.

Wichtig bei der Wiedereigliederung ist es, sich einen Freundeskreis aufzubauen bzw. den alten zu reaktivieren und wenn Kinder da sind, diesen zu helfen sich in Schule und Kindergarten zu integrieren. Darüber hinaus spielt auch der erfolgreiche Wiedereinstieg in den Beruf eine Rolle.

Für einen möglichst reibungslosen Neustart in der alten Heimat ist es deshalb sinnvoll, sich bereits vor der Rückkehr mit dem Wiederankommen zu beschäftigen: alte Kontakte zu Freunden und ehemaligen Kollegen auffrischen, bürokratische Angelegenheiten (z.B. über Besonderheiten im Fall von mitausreisenden ausländischen Familienangehörigen), wenn möglich schon aus dem Ausland klären, sich über den Arbeitsmarkt und Bewerbungsmöglichkeiten informieren.

Mit dem Wissen, dass ein erstes Fremdsein nach langer Zeit im Ausland normal ist, ist vor allem eins wichtig: Sich selbst Zeit zu lassen, wieder anzukommen und auf alle Facetten des umgekehrten Kulturschocks gefasst zu sein. 

Kulturschock und Eigenkulturschock in der Forschung

Das Phänomen "Kulturschock" wird seit den 50er Jahren des 20. Jhd. untersucht. Das Kulturschockmodell nach Kalvero Oberg (1960) unterscheidet zum Beispiel vier Phasen des Einlebens in den ersten Monaten in der neuen Lebenssituation.

Die erste Phase bezeichnet er als Honeymoonphase, in der sich der / die Ausreisende über Tage oder Monate euphorisch an neuen Erfahrungen in der fremden Kultur erfreut und vorrangig das positiv Erwartete wahrnimmt.

Die zweite Phase nennt Oberg regression (=Rückschritt, Rückzug). Sie ist gekennzeichnet durch Missverständnisse und Irritation. In dieser Phase rücken Probleme und Schwierigkeiten, die durch Unterschiede in Sprache, Werten, Verhaltens- und Denkweisen hervorgerufen werden, in den Vordergrund. Dies kann zu Frustration, Stress, Heimweh und Rückzug vom Umgang mit den Landsleuten führen.

An die Phase des Rückschritts schließt sich die sogenannte recovery-Phase (Genesung / Aufschwung) an: Der / die Ausgereiste beginnt, Erfahrungen zu relativieren und seine Erwartungen an die Gegebenheiten anzupassen. Er / sie fängst an, interkulturelle Missverständnisse und die fremde Kultur zu verstehen.

In der letzten Phase der Stabilität hat sich die Person teilweise oder vollständig an die Gegebenheiten vor Ort und die fremde Kultur angepasst. Sie ist in der Lage, die Kultur in all ihren Facetten wahr- und teilweise sogar zu übernehmen und sich zu integrieren. Möglich wäre in Phase drei und vier ebenfalls, dass sich negative Gefühle gegenüber der fremden Kultur etablieren.

Verschiedene Kulturschockmodelle

Stellt man die verschiedenen Phasen in einem Graphen dar mit den Koordinatenachsen Zufriedenheit und Zeit ergibt sich eine U-Kurve. Das beschriebene Modell ist ein Versuch von vielen, das Ankommen und sich Zurechtfinden in einer fremden Kultur zu beschreiben.

In neueren Ausführungen des Kulturschockkonzeptes werden der Prozesscharakter der Anpassung und die Einflussnahme der Neuankömmlinge auf den kulturellen Anpassungsprozess betont. Andere Modelle - zum Beispiel von Janne E. und John T. Gullahorn (1963) - haben das U-Kurven-Modell um den Prozess der Heimkehr erweitert. Ausgangpunkt war das Ergebnis einer Studie, wonach zurückgekehrte amerikanische Stipendiaten einen ähnlichen Reakkulturationsprozess, also den Prozess, sich der eigenen Kultur wieder anzupassen, durchliefen wie bei der Einreise ins Ausland.

Wenn man berücksichtigt, dass sich nach der Heimkehr Prozesse von Entfremdung bzw. Irritation und erneute Anpassung (Reintegrationsphase) - diesmal an die eigene Kultur - wiederholen, ergibt sich graphisch dargestellt eine W-Kurve. Im Unterschied zum Kulturschock entstehen Probleme beim umgekehrten Kulturschock nicht durch die Konfrontation mit einer fremden, sondern durch die Konfrontation mit der eigenen Kultur.