Nach der Rückkehr: Zwei Flüchtlingsprojekte ins Leben gerufen

Ivan Tadic

Als wir Ende 2015 von unserem mehrjährigen Einsatz in Kambodscha nach Deutschland zurückkehrten, hatte die Flüchtlingswelle hier gerade ihren Höhepunkt erreicht. Unsere Christliche Gemeinde in Reutlingen hatte bei unserer Rückkehr schon ein „Internationales Café“ eingerichtet, wo wir viele Flüchtlinge zu Besuch hatten. Ich kam mit der einfachen und offenen Art dieser Menschen sehr gut klar und schloss sie schnell ins Herz. Deshalb habe ich zusammen mit anderen Freiwilligen aus unserer Gemeinde zwei Projekte ins Leben gerufen.

Beim ersten Projekt treffen wir uns einmal wöchentlich mit Flüchtlingen vor allem aus arabischen Ländern, um zu kochen und uns in deutscher Sprache auszutauschen. Gemeinsames Kochen und Essen spielen in der arabischen Kultur eine große Rolle und bieten eine gute Basis, um über persönliche Sachen ins Gespräch zu kommen. Bei diesen Treff en haben wir viel Spaß miteinander und lernen einander besser kennen. Wir kommen auch oft auf persönliche Geschichten und Schicksale zu sprechen und freuen uns darüber, dass die Teilnehmenden uns vertrauen und in ihr Leben mitnehmen. Nach dem Essen und gemeinsamen Spülen setzen wir uns in eine Runde, reden auf Deutsch über vorbereitete Themen und tauschen uns über die verschiedensten Dinge aus: kulturelle Unterschiede, persönliche Ziele, Familie, Bedeutung von Freundschaft, Religion und über Werte wie Treue, Liebe oder Integrität. Für mich ist es sehr bereichernd, sich über diese Themen aus verschiedenen kulturellen und religiösen Blickwinkeln zu unterhalten und dabei voneinander zu lernen. Und die Flüchtlinge freuen sich, dass sie dabei auch ihre Deutschkenntnisse erweitern können.

Beim zweiten Projekt treffen wir uns ebenfalls wöchentlich mit Flüchtlingen und Migrant/innen zum Fußballspielen mit dem Ziel, Freundschaft en aufzubauen und christliche Werte weiterzugeben. Ich arbeite in diesem Projekt mit fünf jungen Leute aus unserer Gemeinde, von denen zwei aus Ägypten, einer aus Bulgarien und zwei aus Deutschland stammen. Mittlerweile ist unsere Fußball-Gruppe auf fast 30 junge Menschen angewachsen: Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Somalia sowie Migrant/innen aus der Türkei, Griechenland, Portugal, Ukraine, Kamerun und Ghana, die teilweise schon länger in Deutschland leben. Während des Spiels halten wir eine 15-minütige Pause ab, um ins Gespräch zu kommen. Einer unserer Mitarbeiter hält eine kurze Ansprache über ein Thema, das auf die Bedürfnisse unserer Gäste ausgerichtet ist. Es freut mich immer wieder sehr zu sehen, dass wir – trotz der verschiedenen kulturellen und religiösen Hintergründe – zu einer harmonischen Gruppe zusammengewachsen sind. Geplant sind auch gemeinsame Ausflüge, Grill-Partys und sonstige Aktivitäten, um die Freundschaft en in dieser Gruppe zu stärken.

Die kulturellen Erfahrungen, die ich während des ED in Kambodscha gesammelt habe, helfen mir heute bei der Flüchtlingsarbeit sehr. Es fällt mir leichter mit unseren Flüchtlingen mitzufühlen und sie zu verstehen. Durch das Leben in einer anderen Kultur wird man für kulturelle Unterschiede sensibilisiert. Und so kann ich sowohl Deutschen als auch den zugezogenen Flüchtlingen diese Unterschiede leichter nahebringen und auf beiden Seiten mehr Verständnis schaffen.

 

Ivan Tadic war von 2008 bis 2015 in Kambodscha (erschienen in transfer Ausgabe 1/2018)