Interview ProfilPASS

Interview mit Katrin Hülsmann vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE)

"Informelles Lernen" ist zu einem feststehenden Begriff geworden. Das Konzept gewinnt gerade auch im Entwicklungsdienst zunehmend an Bedeutung. Doch die Herausforderungen, die damit verbunden sind, haben wir noch längst nicht im Griff.

Spannende Fragen sind z.B.: Wie funktioniert dieses Lernen eigentlich? Wie können wir es steuern und möglichst wirksam gestalten? Wie können wir feststellen, was wir "nebenbei" gelernt haben? Wie können wir die Ergebnisse – also Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten – so erfassen und dokumentieren, dass wir sie gegebenenfalls bei der Beantragung einer Weiterbildung oder einer Bewerbung vorweisen können?

Eine Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten, Kompetenzen und Interessen herauszufinden und sichtbar zu machen, ist der ProfilPASS. Lutz Schrader im Gespräch mit Katrin Hülsmann über den ProfilPASS und seine Einsatzmöglichkeiten im Entwicklungsdienst.

Lutz Schrader: Frau Hülsmann, Sie sind beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) für den ProfilPASS verantwortlich. Worum geht es beim ProfilPASS und mit welchem Ziel wurde das Instrument entwickelt?

Katrin Hülsmann: Der ProfilPASS ist ein biografisches Instrument, mit dem Menschen ihr Wissen, ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten, d.h. ihre Kompetenzen herausfinden und dokumentieren können. Genutzt wird der ProfilPASS insbesondere von Menschen, die sich in einer Übergangssituation befinden, z.B. von Personen, die sich beruflich neu orientieren möchten oder müssen.

Der ProfilPASS wurde vor über 10 Jahren mit dem Ziel entwickelt, informelles und non-formales Lernen sichtbar zu machen. Wer ein Studium oder Weiterbildungskurs absolviert hat, erhält nach erfolgreichem Abschluss ein Zeugnis oder Zertifikat. Über den ProfilPASS wird das tagtägliche "informelle" Lernen sichtbar dokumentiert. Die Anerkennung dieser Lernprozesse ist wichtig, da Menschen sich einen Großteil ihres Wissens, ihrer Fertigkeiten und Fähigkeiten am Arbeitsplatz, im Ehrenamt oder in der Familie aneignen.

Lutz Schrader: Wie funktioniert der ProfilPASS?  

Katrin Hülsmann: Der ProfilPASS besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen: dem Portfolio und der begleitenden Beratung. Im Rahmen einer ProfilPASS-Beratung reflektieren die ProfilPASS-Nutzer/innen ihre gesamte bisherige Lern- und Bildungsbiografie. Von der Annahme geleitet, dass sich Kompetenzen im Handeln einer Person zeigen, wird das Augenmerk auf sämtliche Aktivitäten aus bestimmten Lebensbereichen und Lebensphasen gerichtet. Mit Unterstützung der professionell qualifizierten ProfilPASS-Beratenden werden aus diesen Aktivitäten systematisch Kompetenzen abgeleitet.  

Während des gesamten Beratungsprozesses steht der Nutzende mit seinen Stärken im Mittelpunkt des Interesses. 

Lutz Schrader: Welche Rolle übernimmt die Beratungsperson und wie sieht das Ergebnis der Kompetenzermittlung konkret aus?

Katrin Hülsmann: Ausgehend von der Annahme, dass jeder Mensch sehr viel mehr kann, als es ihm bewusst ist, bringen die ProfilPASS-Berater/innen den Reflexionsprozess in Gang. Durch Impulse und offene Fragen regen sie die Nutzenden immer wieder an, bedeutende Lebensbereiche und Aktivitäten – aus der Vergangenheit und der Gegenwart – zu reflektieren. Beim ProfilPASS haben die Berater/innen eine „Hebammenfunktion“: Sie helfen, die verdeckten Kompetenzen ans Tageslicht zu bringen.

Der ProfilPASS verfolgt dabei konsequent einen ressourcenorientierten Ansatz. Zu den Aufgaben der Berater/innen gehört es, ihre Klienten zu ermutigen und ihnen zu aufzuzeigen, dass Kompetenzen auch über scheinbar belanglose Tätigkeiten erworben wurden. So eignet sich der Trainer einer Jugendmannschaft beispielsweise auch Führungsqualitäten an.

Eine wichtige Rolle haben die Beratenden, wenn es um die mündliche und schriftliche Formulierung der ermittelten Kompetenzen geht. Am Ende einer ProfilPASS-Beratung erhalten die Nutzenden von ihrer Beraterin bzw. ihrem Berater einen ProfilPASS-Kompetenznachweis. Dieser Kompetenznachweis dokumentiert die Kompetenzen und bestätigt, dass diese mit Unterstützung professioneller Beratung ermittelt wurden.  

Lutz Schrader: Wie können Interessierte einen ProfilPASS-Berater/ eine ProfilPASS-Beraterin finden?

Katrin Hülsmann: Bundesweit gibt es zurzeit über 1.000 qualifizierte ProfilPASS-Beraterinnen und -Berater. Ein großer Teil der zertifizierten Beratenden hat seine Kontaktdaten auf unseren ProfilPASS-Internetseiten veröffentlicht. Wer eine ProfilPASS-Beratung in Anspruch nehmen möchte, kann unter http://www.profilpass.de/fuer-nutzer-innen/beratungsangebote/ gezielt nach Personen und Beratungsschwerpunkten in seiner Nähe suchen.  

Lutz Schrader: Deutschlandweit gibt es ja verschiedene Kompetenzpässe, wie z.B. den Europass oder KomPass. Was ist das Spezifische des ProfilPASS?

Katrin Hülsmann: Bei vielen Weiterbildungspässen, die Ende der 1990er bzw. Anfang der 2000er Jahre entstanden sind, steht die Dokumentation der Kompetenzen im Vordergrund. Der ProfilPASS setzt einen Schritt früher an, da es vor allem darum geht, die Kompetenzen überhaupt zu ermitteln. Dieser Prozess findet in Begleitung von eigens qualifizierten Berater/innen statt. In Deutschland gibt es nur eine Handvoll qualitativer Kompetenzermittlungsverfahren, bei denen eine begleitende Beratung vorgesehen ist.  

Zu den weiteren spezifischen Merkmalen gehört, dass der ProfilPASS zielgruppenübergreifend angelegt und im gesamten Bundesgebiet verbreitet ist. Inzwischen wurden mehr als 200.000 Menschen mit dem ProfilPASS beraten. Seit einigen Jahren wird der ProfilPASS auch verstärkt im Ausland genutzt, z.B. in Österreich, Bosnien-Herzegowina und Luxemburg. Es gibt den ProfilPASS in unterschiedlichen Sprachen, z.B. auf Englisch, Französisch und Spanisch und auch in verschiedenen Formaten: Der ProfilPASS kann als Workbook für 12,95 € erworben werden oder kostenfrei von der ProfilPASS-Internetseite (www.profilpass.de) heruntergeladen werden – entweder zum Ausdrucken und Ausfüllen auf dem Papier oder als PDF zum digitalen Ausfüllen am Computer.

Eine weitere Besonderheit beim ProfilPASS ist, dass es eine deutschlandweite ProfilPASS-Infrastruktur aus unterschiedlichen ProfilPASS-Akteuren gibt. Neben den ProfilPASS-Beratenden gibt es 31 Multiplikator/inn/en und 29 ProfilPASS-Dialogzentren, die Ansprechpartner in den einzelnen Regionen sind. Koordiniert wird diese Infrastruktur von der Servicestelle ProfilPASS beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. (DIE).

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des ProfilPASS ist die Qualitätssicherung: Neben der Verbreitung und Weiterentwicklung des Instruments ist die Servicestelle ProfilPASS auch für die regelmäßig stattfindenden Zertifizierungen und Re-Zertifizierungen zuständig. Meines Wissens gibt es ein solches System der Qualitätssicherung bei den anderen Kompetenzpässen (noch) nicht. 

Lutz Schrader: Wenn wir nun auf das Einsatzfeld „Entwicklungsdienst“ blicken. Welchen Nutzen könnte aus Ihrer Sicht die ProfilPASS-Arbeit für die Fachkräfte im Entwicklungsdienst bringen?

Katrin Hülsmann: Nach meiner Einschätzung eignet sich der ProfilPASS für die Entwicklungsdienste in besonderem Maße. Fachkräfte im Entwicklungsdienst stehen in ihrem Alltag vielfach vor komplett neuen Aufgaben und Herausforderungen. Sie müssen improvisieren und machen Erfahrungen, bei denen sie einerseits vorhandene Fähigkeiten vertiefen und andererseits neue Kompetenzen entwickeln. Folgt man John Erpenbeck dann sind es gerade die offenen und unüberschaubaren Situationen, in denen sich kompetentes Handeln zeigt. Als entwicklungsorientiertes und ergebnisoffenes Verfahren bietet der ProfilPASS eine gute Möglichkeit zur Reflexion dieser besonders vielseitigen Lernerfahrungen im Entwicklungsdienst.

Der ProfilPASS begleitet Lernprozesse, unabhängig von Lernorten und Lernwegen. Ich kann mir sehr gut ein Setting vorstellen, bei dem der ProfilPASS den kompletten Einsatz der Fachkräfte im Ausland – inklusive Vor- und Nachbereitung in Deutschland – begleitet. Der Einsatz des ProfilPASS könnte zum Beispiel so aussehen:

In ihrer Vorbereitungsphase nehmen die Entwicklungshelfer an einem ProfilPASS-Workshop teil, in welchem sie in die Arbeit des ProfilPASS eingeführt werden. Anhand bisheriger Aktivitäten verschaffen sie sich einen Überblick über ihr bisheriges Kompetenzprofil. Während ihres Einsatzes im Ausland führen sie ihr „Lerntagebuch“ selbstständig weiter. Bei Bedarf erhalten Sie Unterstützung von ihrer Beratungsperson, z.B. per E-Mail. Vor der Rückkehr nach Deutschland beginnen sie mit der Bearbeitung des ProfilPASS-Kapitels „Meine Ziele und die nächsten Schritte“. Auf der Basis des im Ausland weiterentwickelten Kompetenzprofils zeichnen sich mögliche berufliche Perspektiven ab.

Der konkrete Übergang zurück in den deutschen Arbeitsmarkt sollte wieder mit persönlicher Beratung erfolgen. Es geht nun um die Verknüpfung der im Ausland erworbenen Kompetenzen mit den beruflichen Vorstellungen: Die Beratenden helfen beim Filtern und bei der Formulierung von Kompetenzen und Interessen. Mit Blick auf die anstehende Bewerbungssituation geht es auch darum, die Fachkräfte in die Lage zu versetzen, anderen Personen ihre Kompetenzen verständlich und glaubwürdig darzulegen.  

Lutz Schrader: Wie könnten Personalentwicklung und Weiterbildung in den Entsendeorganisationen den ProfilPASS für ihre Arbeit nutzen?

Katrin Hülsmann: In unserem 2012 abgeschlossenen Projekt „ProfilPASS in der Wirtschaft“ haben wir den ProfilPASS erprobungsweise im Rahmen der Personalentwicklung von zehn Unternehmen eingesetzt. Unsere Auswertungen haben ergeben, dass Unternehmen den ProfilPASS für unterschiedliche Ziele genutzt haben (https://www.die-bonn.de/doks/2014-kompetenz-01.pdf). Die Rückmeldungen waren insgesamt sehr positiv.

In Zeiten einer dynamischen Arbeitswelt, die sich durch kurze Innovationszyklen und sich ständig verändernden Anforderungen an die Mitarbeitenden auszeichnet, ist es für Unternehmen von großem Wert, die Kompetenzen ihrer Mitarbeitenden gut zu kennen. Ob jemand beispielsweise für eine Stelle geeignet ist, hängt ja von seinen aktuell tatsächlich vorhandenen Kompetenzen ab und nicht von einem zehn Jahre alten Abschlusszeugnis. Eine ProfilPASS-Beratung macht darüber hinaus Weiterbildungsbedarfe sichtbar, auf die das Unternehmen mit Fortbildungsangeboten reagieren kann.

Der ProfilPASS kann als Schnittstelle zwischen Mitarbeitenden und Personalentwicklung angesehen werden. Die Mitarbeitenden selbst werden in ihrer Eigenverantwortung gestärkt, indem sie ihre Kompetenzen, Interessen und Entwicklungsziele aus eigener Initiative in Mitarbeitergespräche einbringen. Aus den Gesprächen mit Führungskräften und Mitarbeitenden wissen wir, wie wichtig es ist, den Mitarbeitenden Raum für ihre eigene Standortbestimmung und Kompetenzentwicklung zu geben. 

Bezogen auf die Entsendeorganisationen sehe ich den Gewinn vor allem in der Ermutigung der Entwicklungshelfer/innen. Die Beratung mit dem ProfilPASS fokussiert die Ressourcen und Stärken der Menschen. Neuen Herausforderungen in einem fremden Land begegnet man am besten mit Vertrauen – auch und besonders mit Vertrauen in das eigene Können.

Lutz Schrader: Welche aktuellen Vorhaben gibt es mit Blick auf die Weiterentwicklung des ProfilPASS?

Katrin Hülsmann: Ein zentrales Anliegen von uns ist es, die ProfilPASS-Beraterinnen und Berater bestmöglich in ihrer Beratungsarbeit zu unterstützen. Die Zielgruppenoffenheit des ProfilPASS verlangt von der Beratungsperson, dass sie den ProfilPASS an den jeweiligen Adressaten anpasst. Im Jahr 2016 haben wir damit begonnen, zielgruppenspezifische Beispiele zu erstellen. Entlang der vier Kapitel im ProfilPASS dokumentieren die Beispiele Lernbiografien von Personen, die sich in einer spezifischen Übergangssituation befinden (z.B. Wiedereinsteigerin nach der Familienphase). Diese grafisch aufbereiteten Prototypen geben den Beratenden vielfältige Hinweise beim Einsatz des ProfilPASS mit spezifischen Adressatengruppen.  

Neben diesen Beispielen erstellen wir Zusatzmaterialien Materialien für die ProfilPASS-Beratenden. In unserem aktuellen EU-Projekt „SCOUT“ („aSsessing Competences fOr fUTure“) geht es beispielsweise um eine Anpassung des ProfilPASS für Neuzugewanderte. In den kommenden zwei Jahren entstehen ein Methodenkoffer für Beratende sowie ein Manual für die Beratung mit dem ProfilPASS für diese Zielgruppe.


Gesprächspartner

Katrin Hülsmann ist Diplom-Pädagogin und arbeitet beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. (DIE) in Bonn. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Servicestelle ProfilPASS ist sie für die Weiterentwicklung und Verbreitung des ProfilPASS-Systems verantwortlich. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind die Anpassung des ProfilPASSes für spezifische Adressatengruppen und die Sicherung der Qualität in der ProfilPASS-Beratung.

Dr. Lutz Schrader ist Politikwissenschaftler. Er arbeitet seit mehreren Jahren als selbstständiger Autor, Dozent und Berater, insbesondere zu den Themen Friedens- und Konfliktforschung, Konfliktberatung, Kommunikation und Rhetori sowie Erwachsenenbildung und Wissensmanagement. Er ist – gemeinsam mit Gabriele Keuthen – Autor der Studie Entwicklungsdienst qualifiziert. Wie Fachkräfte lernen und Kompetenzen entwickeln“.

Dialog-Forum mit ProfilPASS-Workshop: Wie qualifiziert der Entwicklungsdienst?

In unserem Dialog-Forum mit ProfilPASS-Workshop vom 29.06. bis 01.07.2018 in Siegburg möchten wir mit Ihnen die in 2017 publizierte Studie "Entwicklungsdienst qualifiziert. Wie Fachkräfte lernen und Kompetenzen entwickeln" diskutieren. Gleichzeitig haben Sie die Möglichkeit Ihr persönliches Kompetenzprofil zu erarbeiten. Im Unterschied zu unserem Seminar "Kompetenzbilanz" unterstützt Sie dabei der eigens für den Entwicklungsdienst angepasste ProfilPASS.

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