Beraten und ausbilden in Malawi

Interview mit Rückkehrerin Hanna Schmitt-Krug

Hanna Schmitt-Krug studierte Sozialpädagogik. Ihre Spezialisierung und ihren beruflichen Schwerpunkt hat sie vor allem in der Jugendhilfe gelegt. Parallel zu ihrem Studium und ihrer beruflichen Arbeit hat sie mehrere Ausbildungen im psychosozialen und therapeutischen Bereich absolviert.

Von Februar 2011 bis Juli 2016 leistete sie gemeinsam mit ihrem Mann ihren Entwicklungsdienst in Lilongwe, der Hauptstadt Malawis. Dort arbeitete sie als Beraterin und Ausbilderin von Sozialpädagogen/innen für die Arbeit mit Straßenkindern.

Entsendeorganisation war die AGEH. Das Projekt wurde von der Kindernothilfe und dem Kindermissionswerk finanziert und unterstützt.

Die Partnerorganisation vor Ort war der katholische Orden „Missionary Sisters for our Lady of Africa” (MSOLA).

Sie waren fünfeinhalb Jahre in Malawi. Was war dort konkret Ihre Aufgabe?

Meine Aufgabe war es, Sozialarbeiter/innen im Bereich der psycho-sozialen Arbeit mit Straßenkindern zu beraten und weiterzubilden. Ein wichtiger Schwerpunkt der Arbeit war es mit den Kolleg/innen die Ursachen, des oft nicht in die Norm passenden Verhaltens der Kinder nachvollziehbar zu machen. Dazu gehörten auch eine intensive Selbstreflexion und das ehrliche Überprüfen eigener Werte. Ein wichtiger Aspekt der Arbeit war zu lernen, eigene Gefühle besser einordnen zu können. Daraus entstand ein neuer intensiverer und verständnisvollerer Umgang mit den Sorgen und Nöten der Kinder und ihren Familien.

Später als ich die lokale Sprache (Chichewa) besser sprechen und verstehen konnte, führte ich auch gemeinsam mit den Sozialarbeiter/innen Gespräche und kleine Interventionen mit den Kindern durch, die in unserem Schutzzentrum aufgenommen wurden. Die meisten dieser Kinder haben durch ihre Familien schwere seelische Misshandlungen erlitten. Das harte und ausbeuterische Leben auf  der Straße, wo die Kinder meist Opfer vielfältiger Gewalt werden, hat die Kinder weiter traumatisiert. Aus Selbstschutz zeigen sie oft ein sehr rüdes und egoistisches Verhalten gegenüber den anderen Kindern, aber auch gegenüber Erwachsenen.

Eine gute Beziehung zu den Kindern aufzubauen, ihnen Raum zu geben, ihre Sorgen und Nöte auszudrücken, auch mit kreativen Mitteln, wie Malen, spielen, Geschichten lesen und selber welche erfinden etc., waren die Inhalte dieser gemeinsamen Interventionen, die das Ziel hatten einen heilenden Prozess anzustoßen. In Beratungssitzungen mit den Sozialarbeiter/innen konnten dann die neuen Erfahrungen aufgearbeitet werden.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner Tätigkeit war die Beratung des Management-Teams in pädagogischen Fragen sowie die Teilnahme an Bewerbungsgesprächen bei der Einstellung neuer pädagogischer Mitarbeiter/innen. Auch bei der konzeptionellen Entwicklung, wie zum Beispiel bei der Erarbeitung und Einführung eines modernen Kinderschutzkonzepts, habe ich maßgeblich mitgearbeitet.

Wenn Sie zurückschauen, welche Kompetenzen haben Sie während Ihres Einsatzes erworben und erweitert?

Natürlich habe ich meine sprachlichen Kompetenzen sehr verbessert. Auch meine Fähigkeit, genau hinzuhören und meine Werte mit den Werten von anderen abzuwägen und daraus gemeinsam neue Wege zu entwickeln, hat sich erweitert. Nennen würde ich auch die Kompetenz, in einer ganz anderen Kultur gut zurechtzukommen.

Auch habe ich viel Erfahrung bei der Vorbereitung und Durchführung von Seminaren gesammelt. Dazu gehört unter anderem die Fähigkeit mit einfachen Mitteln gute Seminare zu veranstalten, sowie methodische und didaktische Mittel zu nutzen, die der Kultur der Teilnehmenden angepasst sind.

Als wunderbare Vorbereitung möchte ich hier zwei einwöchige Seminare zum Thema Trainings of Transformation im Center for Social Concern (ein Projekt der Missionaries of Africa/ White Fathers) mit Jos Kuppens in Lilongwe hervorheben: Das Training of Transformation, das aus Paolo Freires Pädagogik der Unterdrückten zurückgeht, hat mir anschaulich vor Augen geführt, dass Veränderung nur dort möglich ist, wo sich Menschen ganz persönlich angesprochen fühlen. Wenn Inhalte nicht übergestülpt werden, sondern sich aus den Bedürfnissen der jeweiligen Gruppe ableiten und entwickeln. Von diesem Grundsatz habe ich mich immer wieder bei der Konzeption meiner Seminare leiten lassen.

Wie bei der Seminararbeit habe ich auch in vielen anderen Bereichen gelernt, flexibel und kreativ zu sein und mich so auf die zahllosen unerwarteten Veränderungen einzustellen, die meine Tagesplanung immer wieder durcheinandergebracht haben.

Haben Sie sich durch die Arbeit und die Erfahrungen in Malawi beruflich weiterentwickelt?

Ja, ich hatte vor dem Entwicklungsdienst noch nicht in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Gute Weiterbildungsseminare zu konzipieren und abzuhalten, das habe ich wirklich in Malawi gelernt.

Außerdem habe ich schon in Malawi angefangen, mich auf die Prüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie vorzubereiten. Ich werde hoffentlich im Oktober die Prüfung erfolgreich ablegen können. In Malawi gibt es nur eine verschwindende Zahl von ausgebildeten Psychotherapeut/innen. So konnte ich auf niemanden zurückgreifen, der mich bei der Einschätzung von schwerwiegenden Verhaltensauffälligkeiten beraten konnte. Trotz meiner vielfältigen psychosozialen Ausbildungen, fehlte mir dafür das diagnostische Handwerkszeug, dies war für mich ein starker Anreiz, mich auf diese spannende Reise zu begeben.

Schließlich kann ich in der Beratung von Geflüchteten auf viele meiner Erfahrungen, die ich in Afrika gesammelt habe, zurückgreifen. Dazu zählen nicht zuletzt auch meine guten Sprachkenntnisse.

Was machen Sie heute beruflich?

Heute arbeite ich für das Diakonische Werk in einer großen Aufnahmeeinrichtung in Bayern als Flüchtlings- und Integrationsberaterin. Bei der Auswahl meiner jetzigen Arbeitsstelle war mir wichtig, für einen kirchlichen Träger zu arbeiten. Denn dort sehe und erfahre ich, dass meine lange Berufserfahrung und – damit verbunden – meine Arbeit in Afrika, wertgeschätzt und anerkannt werden.

Selbst einmal als Fremde in einer anderen Kultur gelebt zu haben, selbst einmal einer Minderheit angehört zu haben, selbst einmal nur wegen der Hautfarbe herauszustechen und überall sofort als nicht dazugehörig identifiziert zu werde, dies macht mich heute für die Lebenssituation meiner Klienten und Klientinnen sensibel, und dies öffnet mir viele Türen zu Gesprächen und Begegnungen, die mir sonst verschlossen geblieben wären. 

Hat die Tatsache, dass Sie aus dem Entwicklungsdienst kommen, Ihre Chancen bei der Stellensuche eher erhöht oder verringert?

Als ich 2016 nach Deutschland zurückkam, gab es einen riesigen Bedarf an qualifizierten Menschen für die Flüchtlingsarbeit. Dafür war ich natürlich pädagogisch und auch anderweitig gut vorbereitet. Nur in die rechtliche Materie musste ich mich natürlich noch einarbeiten. Aber mit neuen Herausforderungen zurechtzukommen und ständig hinzuzulernen, bin ich ja spätestens seit meinem Entwicklungsdienst gewöhnt.

Ich wurde zu vielen Gesprächen eingeladen, und ich war in der komfortablen Situation, den Bereich der Sozialen Arbeit auswählen zu können, in dem ich mich beruflich engagieren wollte. Bei den meisten Arbeitgebern hatte ich gleichwohl das Gefühl, dass sie eher wenig mit meiner Tätigkeit im Entwicklungsdienst und meiner Auslandserfahrung anfangen konnten.

Die ersten drei Monate nach meiner Rückkehr habe ich für einen privaten Bildungsträger gearbeitet. Hier wurde meine lange Zeit im Ausland eher als Behinderung angesehen, als exotisch und weit weg von der deutschen Lebensrealität. Auch wenn ich nach kurzer Zeit meine Vorgesetzten und Kolleg/innen vom Gegenteil überzeugen konnte, habe ich mich doch sehr gefreut, als mir meine heutige Arbeit angeboten wurde.


Das Interview führte Dr. Lutz Schrader. Er ist Politikwissenschaftler und arbeitet seit mehreren Jahren als selbstständiger Autor, Dozent und Berater, insbesondere zu den Themen Friedens- und Konfliktforschung, Konfliktberatung, Kommunikation und Rhetori sowie Erwachsenenbildung und Wissensmanagement. Er ist – gemeinsam mit Gabriele Keuthen – Autor der Studie Entwicklungsdienst qualifiziert. Wie Fachkräfte lernen und Kompetenzen entwickeln“.

Stand: Mai 2018

 

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