Sustainable Development Goals (SDGs)

Einzug der Agenda 2030 in die Entwicklungszusammenarbeit und Auswirkung auf den Arbeitsmarkt in Deutschland

Seit die Sustainable Development Goals (SDGs) im Jahr 2015 die Millennium Entwicklungsziele (MDGs) abgelöst haben, spricht man von einem Perspektiv- oder gar Paradigmenwechsel in der Entwicklungszusammenarbeit.

Während sieben der acht MDGs darauf ausgerichtet waren, dass die Industriestaaten die sogenannten Entwicklungsländer bei der Armuts- und Hungerbekämpfung und Verbesserung von Lebensbedingungen unterstützen, wird in den 17 SDGs weltweit 190 Unterzeichnerländern ein Entwicklungsbedarf zugeschrieben. Das heißt, dass auch in Deutschland ein Transformationsprozess hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft gestaltet werden soll. Die Inhalte und zum Teil auch Akteursstrukturen der alten Agenda 21 werden damit wieder aktuell. Für den entwicklungspolitischen Arbeitsmarkt bedeutet das ein Anwachsen an Stellen auf kommunaler Ebene.

Insbesondere die umwelt-, klima- und energiebezogenen Ziele (6, 7, 13, 14) zeugen von der Verantwortung der reichen Länder beim überdurchschnittlich hohen Emissionssaustoß und Ressourcenverbrauch. Das SDG 11 zu nachhaltigen Städten und Gemeinden ist bedeutsam für die Stärkung der kommunalen Ebene, auf der zusammen mit Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft die Erreichung der SDGs vorangetrieben werden soll. Das heißt, weltweit haben die kommunalen Akteure einen verantwortungsvollen Auftrag erhalten, „von unten“ die Umsetzung der Ziele voranzutreiben, sodass auch die weiteren Ziele wie Industrieinnovation (SDG 9), und menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum (SDG 8) vor Ort gestaltet werden. Wenn zudem auch noch für Bildung, Gesundheit und weniger Ungleichheit gesorgt wird, und darüber hinaus auf lokaler Ebene auch noch die Konsum- und Produktionsmuster verantwortlich gestaltet werden (SDG 12), müsste eigentlich bis 2030 die Welt ein Stück weit besser geworden sein.

Die Frage ist jedoch, ob auf diese Weise die aktuell pressierenden weltweiten Trends wie globale Flucht- und Migrationsströme, bei denen Millionen von Menschen, die aufgrund von Krieg, Terror, fehlenden Zukunftsperspektiven und Klimawandel ihre Heimat verlassen und jahrelang menschenunwürdig leben und arbeiten müssen, mit der Agenda 2030 substantiell angegangen werden. Denn gleichzeitig sichern Industrienationen und wirtschaftlich Mächtige und Reiche weiter ihren Status quo und der oder die Einzelne möchte kaum beim eigenen Lebensstandard Abstriche machen.

Auch wenn es ein Ziel zu Ungleichheit gibt (SDG 10), scheint die Nachricht, dass die Schere zwischen Arm und Reich weltweit immer weiter aufgeht, die Sozial-, Wirtschafts- und Entwicklungs- und Steuerpolitik nicht zu veranlassen, substantielle Ungerechtigkeiten anzugehen, wie z. B. den Fortbestand der Steueroasen, in denen viel Geld von dem geparkt wird, das sonst gut in die SDG-Umsetzungsstrategien fließen könnte.

Perspektivwechsel in der Entwicklungszusammenarbeit

Der Agenda 2030 ist jedoch insgesamt zuzugestehen, dass ein Perspektivwechsel in Gang gekommen ist und damit zahlreiche Aktivitäten. Schlaglichtartig heißt das für den deutschen Arbeitsmarkt der Entwicklungszusammenarbeit:

  • Bereits 2014 wurde das Sustainable Development Solutions Network (SDSN) von wissenschaftlichen Einrichtungen und NGOs gegründet und bündelt Wissen, Erfahrungen und Arbeitskapazitäten deutscher Wissenschafts-, Wirtschafts-, und zivilgesellschaftlicher Organisationen, um eine nachhaltige Entwicklung Deutschlands und deutsches Engagement für nachhaltige Entwicklung weltweit zu fördern.
  • Der Dachverband der entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen (VENRO) setzt sich mit vielen Mitarbeitenden im Netzwerk Agenda 2030 mit anderen Akteuren aus den Feldern Umwelt, Entwicklung, Menschenrechte, Gewerkschaften, Soziales, Verbraucherschutz und Transparenz zusammen für die Umsetzung der SDGs ein. Zahlreiche einzelne NGOs organisieren mit verstärkter (wo)menpower Kampagnen, Aktionen, Konferenzen oder beleuchten mit Studien den Umsetzungsprozess.
  • UN-Organisationen haben neue Stellen für das Monitoring und die Evaluierung der SDG-Umsetzungsstrategien und -Fortschritte geschaffen: Neu in Deutschland ist die SDG Aktionskampagne mit Sitz in Bonn (http://sdgactioncampaign.org/).
  • Auf Regierungsebene sind unterschiedliche Akteure und Ressorts in die SDG-Umsetzung eingebunden: Neben dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) das Bundesministerium für Umwelt (BMU), aber auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Federführend ist eine kleine Steuerungsgruppe im Bundeskanzleramt.
  • Mit der grundsätzlichen Überarbeitung der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie und Ausrichtung auf die Agenda 2030 wird nachhaltige Entwicklung als zentrales Ziel des Regierungs- und Verwaltungshandelns festgelegt unter stetiger Einbeziehung der drei Nachhaltigkeitsdimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales. Hierfür braucht es verstärkt interdependent denkende Fachkräfte.
  • Auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sieht die Agenda 2030 als Referenzrahmen für ihr Handeln. Auf internationaler Ebene setzt sie sich u.a. für eine bessere Finanzierung nachhaltiger Entwicklung ein und verknüpft die Ziele des globalen Klimaabkommens mit den entsprechenden SDGs und setzt sich in Deutschland für die Umsetzung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie ein.
  • Der bereits 2001 gegründete Nachhaltigkeitsrat www.nachhaltigkeitsrat.de mit seinen 15 Personen des öffentlichen Lebens erfährt neuen Aufwind und widmet sich der Bekanntmachung und Umsetzung der SDGs mit zahlreichen Aktivitäten und einer engagierten Öffentlichkeitsarbeit. 
  • Im Bildungsbereich eröffnen sich neue Handlungsfelder für nachhaltige Entwicklung, was sich in Schulen sowie Hochschulen und Universitäten oder dem DAAD zeigt.
  • Auf der jüngsten COP23 kommunizierte eine Initiative Kommunaler Regierungen für Nachhaltigkeit aus städtischen und regionalen Vertretern selbstbewusst, dass sie sich als die „Treiber des Klimaschutzes“ sehen. Bei der Umsetzung von klima- und umweltbezogenen Zielen sind alle Kommunen verstärkt aufgefordert, aktiv zu werden, wie zum Beispiel mit den neuen Positionen als Klima- oder Umweltschutzmanager.
  • Viele der Aktivitäten und  Maßnahmen der Kommunen können von der Servicestelle für Kommunen in der Einen Welt (SKEW) beratend unterstützt oder finanziert werden. So können Koordinatoren für kommunale Entwicklungspolitik (KEpol) beantragt werden. Mit nur zehn Prozent Basisfinanzierung können bei der SKEW die restlichen Gelder eingeworben werden. Bisher gibt es 36 Koordinator*innen in Deutschland. https://skew.engagement-global.de/koordination-kommunaler-entwicklungspolitik.html. 
  • Ebenso sind sogenannte Landespromotoren für die Bekanntmachung der SDGs in den verschiedenen Bundesländern im Einsatz. Dies läuft über die entwicklungspolitischen Landesverbände (http://agl-einewelt.de/eine-welt-landesnetzwerke).
  • Zudem begleitet die SKEW in Kooperation mit der Landesarbeitsgemeinschaft Agenda 21 NRW (LAG 21 NRW) seit 2011 50 Klimapartnerschaften mit entsprechendem personellen Einsatz. https://skew.engagement-global.de/kommunale-klimapartnerschaften.html
  • Auch die Nachhaltigkeitspartnerschaften sind bei der SKWE angesiedelt, bei denen bereits 13 Kommunen beteiligt sind: https://skew.engagement-global.de/kommunale-nachhaltigkeitspartnerschaften.html
  • Darüber hinaus versucht die SKEW Akteure auf kommunaler und wirtschaftlicher Ebene für das Thema Faire Beschaffung und fairer Handel zu gewinnen. https://skew.engagement-global.de/fairer-handel-und-faire-beschaffung.html Dies geht weit über die Vorgabe des fairen Kaffees in der Kantine hinaus, sondern hier berät die SKEW substantiell über eine faire Ausgestaltung grundsätzlicher öffentlicher Beschaffung vom Bau von Schulen bis zur Einrichtung von Bürogebäuden. 
  • Die Einführung und Umsetzung der Agenda 2030 hat allein in der SKEW zu einem Personalzuwachs um ein Vielfaches auf inzwischen 70 Mitarbeitende geführt. Die Dachorganisation Engagement Global insgesamt wuchs ebenfalls außerordentlich von 240 auf rund 420 Mitarbeitende in knapp drei Jahren und wöchentlich folgen weitere Ausschreibungen.

Was bedeutet das für Rückkehrer*innen?

Viele der Themen, an denen die meisten Rückehrer*innen im Ausland gearbeitet haben, können sie nun in die kommunale Entwicklungspolitik in Deutschland einbringen. Inhaltlich sind die SDGs gut in entsprechende Handlungsfelder zu übersetzen. Projekt- und Changemanagement, Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnenerfahrungen sind sehr hilfreiche methodische Skills sowie Lobbyarbeitserfahrungen ebenso wie didaktische Fertigkeiten als Trainer*in für nachhaltige Entwicklung.
Potenziell fehlende Zusatzqualifikationen z. B. im Bereich Klimaschutz lassen sich beispielsweise erwerben bei der Gesellschaft für nachhaltige Entwicklung mit dem Klimaschutz und Ressourcenmanager  (www.gne-witzenhausen.de) oder beim Solar Energie Zentrum Stuttgart (www.klimaschutz-manager.de/zertifizierung.html) oder mit dem Fernstudium nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit, Kaiserslautern: www.zfuw.uni-kl.de/fernstudiengaenge/management-law/nachhaltige-entwicklungszusammenarbeit.

Zieht es jemanden Richtung wirtschaftliche Akteure, kann eine CSR-Management-Fortbildung beispielsweise der IHK oder der Fundraising Akademie Frankfurt hilfreich sein. Eine Fortbildung Projektmanagement – Monitoring – Evaluierung (PME) wäre dann interessant, wenn man in das komplexe Monitoring und Evaluierungsverfahren der SDG-Umsetzung einsteigen will. Dies war bereits während der MDGs relativ komplex und wird sicherlich mit der inhaltlichen Ausweitung der Ziele noch weiter ausgebaut.

Dies alles sind Schlaglichter auf Entwicklungen im deutschen EZ Arbeitsmarktes ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Abschließend lässt sich anmerken: Durch diese neuen Trends gibt es neue Einfallstore für Initiativbewerbungen. Und aufgrund der noch langen Laufzeit der Agenda 2030 gibt es für den hiesigen Arbeitsmarkt den positiven Nebeneffekt, dass die üblichen Projektstellen, die auf oft ein bis zwei Jahre befristet sind, relativ wahrscheinlich mehrmals verlängert oder ggf. sogar entfristet werden. Eine nachhaltige Entwicklung also auch für die Arbeitsverträge in der hiesigen EZ?! 

Über die Autorin

Dr. Antje Schultheis, Politikwissenschaftlerin mit Arbeitserfahrungen bei vier NGOs (Global Policy Forum, Forum Umwelt und Entwicklung, Welthandelskampagne-Gerechtigkeit jetzt!, Weed) arbeitet seit 2011 als Coach und Trainerin für berufliche Entwicklung (www.as-empowerment.de) und ist Gründerin und Geschäftsleiterin des beruflichen Netzwerkes www.spinnen-netz.de für ArbeitMitWirkung im entwicklungspolitischen Bereich.

Stand: 12.1.2018

Weitere Informationen zum Thema: 

Informationsportal zur 2030-Agenda und den SDGs: 2030agenda.de