Vier Jobs und ein Chamäleon

Lomé - Wer bin ich? Und wenn ja: wie viele? Wenn Sie wissen möchten, mit wem sie es gerade zutun haben, dann stelle ich mich Ihnen hiermit gerne vor: Guten, Tag, mein Name ist Liva Haensel. Enchantée, sehr erfreut. Woher ich komme, fragen Sie, und was ich mache? Nun, in einem einzigen Satz beantworte ich auch das gerne.

Ich sehe aus wie ein ganz normaler Mensch. Aber eigentlich bin ich ein palästinensisches Chamäleon mit deutschem Migrationshintergrund in Westafrika. Ich lebe in den Tropen, genauer in Togo. Malaria-Ansteckungsgefahr und hohe Wahrscheinlichkeit eines Unfalltods inklusive. Aber ich kann mich anpassen, ich bin ein Chamäleon, Sie wissen schon. Was, das glauben Sie nicht? Okay, ist ja schon gut. Aber weiterlesen dürfen Sie trotzdem.

Jetzt los, das ist es, Anker lichten und auf nach Nahost!

Meine Entscheidung, vor nun vier Jahren als Entwicklungshelferin ins Ausland zu gehen, war eine Blitzentscheidung am Computer. Auf dem Bildschirm stand beim Stellenmarkt der GIZ eine Stelle, die wie geschaffen war für mich. Eine junge Frauenorganisation in Ostjerusalem suchte eine Kommunikationsexpertin, um in der Öffentlichkeit präsenter aufzutreten. Mein Herz fing an, freudige Hüpfer zu machen! Ich, die Zeitungs- und Onlineredakteurin mit dem Langzeit-Faible für Israel und Palästina, wusste: jetzt los, das ist es, Anker lichten und auf nach Nahost! Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits zu Friedenspädagogik und Konfliktintervention in der Region geforscht, ein Buch zum Nahostkonflikt geschrieben und als Journalistin und Pressesprecherin dort gearbeitet. Nun endlich konnte ich also auch noch einmal die Zivilgesellschaft konkret mit meiner Expertise unterstützen - hurra!

Als Entwicklungshelferin hast du mehrere Hüte auf.

Als Entwicklungshelferin (EH) hatte ich immer wieder in der Auslandsvorbereitung gehört, dass Du mehrere Hüte aufhast: Du bist ein Teil der Organisation, aber auch ein Teil des jeweiligen GIZ-Programms, hieß es da. Das macht nach meiner Rechnung erstmal nur zwei Hüte. Schnell kann es aber auch passieren, dass Du noch ein paar mehr aufbekommst. Auf einmal den für das Landesbüro, wenn thematischer Bedarf besteht - oder auch mal denjenigen für andere GIZ-Programme, die Du mit deiner Fachlichkeit berätst.

Fast immer war ich die einzige gelernte Redakteurin auf weiter Flur. Und so mutierte ich nach einigen Monaten zu einer multieinsetzbaren Beraterin, die nicht nur für ihre Partnerorganisation im Einsatz war sondern gleichzeitig Trainings in der Westbank und Gaza gab, eine Kommunikationsstrategie für das Landesbüro in den palästinensischen Gebieten aufsetzte und noch Videoproduktionen übernahm. Dass ich später auch noch tropentauglich und frankophon werden sollte, ist damit zu erklären, dass mich die GIZ dahin schickte, wo der Kaffee wächst. Nein, wirklich! Denn nachdem mein erstes Jerusalem-Jahr vergangen war, landete in unserer Mailbox ein Notruf aus Togo, dass ein dringender Bedarf nach einem Kommunikationsprofi bestünde. Und so öffnete sich im Herbst 2014 unverhofft eine Tür hin zum afrikanischen Kontinent, durch die ich sonst nie gegangen wäre. 

Mit Jerusalem im Herzen landete ich in Westafrika.

Noch mit Jerusalem im Herzen aber auch voller Neugierde auf Westafrika, landete ich also in Lomé, der togoischen Hauptstadt. Der erste Kurzzeiteinsatz in Togo war arbeitsintensiv und sehr schön. Ich konnte alle Programme und das Landesbüro dort beraten und habe viele Produkte erstellt. Mein Französisch, lange in den dunkelsten Ecken des zerebralen Sprachzentrums vernachlässigt, kroch wieder an die Oberfläche. Die Togoer debattierten gerne und viel. Ich empfand sie als extrem aufgeschlossen in der Zusammenarbeit und als liebenswert. Das mochte ich sehr und mag es bis heute.

2014 war insofern auch ein wichtiges Jahr, weil ich damals mein Lieblingsprogramm kennenlernte. Das Programm für nachhaltige Waldbewirtschaftung und Anpassung an den Klimawandel in Lomé ließ mich als Chamäleon jetzt grün leuchten und forderte mich heraus, mich wieder einmal neu einzuarbeiten. Das Tollste dort: Die Kollegen waren ganz auf meiner Wellenlänge. Partnernähe, hohe fachliche Ansprüche und klare Strukturen waren oberstes Gebot. Dort habe ich erfahren, dass es Leute in der Entwicklungszusammenarbeit gibt, die ihre Arbeit ernst nehmen und den nationalen Akteuren authentisch auf Augenhöhe begegnen. Das passte zu mir, denn durch meine zahlreichen deutschen Berufsstationen und meine strukturierte Arbeitsweise als Tageszeitungsredakteurin konnte ich mich damit super identifizieren. 

Das togoische Umweltministerium hat nun eine sprechfähige Abteilung – das freut mich unendlich. 

Ich kehrte danach noch einmal nach Jerusalem zurück, machte meinen Vertrag zu Ende und arbeitete eine Weile als Consultant. 2015 ging ich wieder zurück nach Togo. Erst arbeitete ich als Beraterin ein Jahr für Wald und Klima mit dem Umweltministerium und den jeweiligen Kommunikationsverantwortlichen. Der größte Erfolg war für mich, dass ich mit der Sprecherin des Umweltministeriums gemeinsam eine operationelle Kommunikationsabteilung ins Leben rufen konnte. Den ministeriellen Beschluss dafür habe ich bis heute in meiner Schublade aufbewahrt. Jedes Mal, wenn er mir in die Hände fällt, spüre ich noch das Glücksgefühl darüber. Dass das togoische Umweltministerium nun eine richtige sprechfähige Abteilung mit Zuständigkeiten hat, freut mich unendlich. 

Im Januar diesen Jahres wechselte ich in das große Landwirtschaftsprogramm, in dem neben Kommunikation auch Monitoring/Evaluierung und Wissensmanagement zu meinen aktuellen Aufgaben zählen. Vier unterschiedliche Jobs in vier Jahren. Arbeit im kleinen und ganz konkreten Kontext genauso wie auf der Managementebene, all das habe ich jetzt gemacht. Immer in Kontakt mit den Menschen vor Ort, mit den Kollegen, den zahlreichen Consultants, wechselnden Chefs und Ministeriumsrepräsentanten. Wenn Sie mich fragen, welche Farbe ich gerade trage, dann ist es jetzt ganz sicher die gesamte Farbskala. Wie ein Regenbogen vielleicht. 

Vergessen Sie nie, wie viele Farben Sie tragen.

So langsam nähert sich das Ende meines Vertrages und um es mit den Rubriken der AGdD auszudrücken: Ich befinde mich nun in der Übergangsphase zwischen „Dabei“ und „Danach“. Was habe ich - neben externer Anpassungsfähigkeit, interkultureller Kompetenz, Sprachkenntnissen - nun tatsächlich gelernt?

Genau dies: Dass ich Projekte managen, Mitarbeiter sehr gut einarbeiten und führen und Monitoringinstrumente erstellen kann. Dass ich einen guten Blick für die Bedürfnisse von Partnern und Kollegen entwickle und häufig eine „Vogelperspektive“ einnehme. Dass ich gerne Verantwortung trage und Entscheidungen treffe. Dass ich Lust habe auf und an kreativen Prozessen, gemeinsam im Team. Und dass nichts über Fachexpertise geht. Ein Landwirt ist eben ein Landwirt und kennt sich da aus. Eine Redakteurin kann texten, Blatt und Projekte machen, die richtige Sprache gekonnt einsetzen, Text-Bildscheren komponieren, Netzwerke bauen und sich rasch in fachfremde Themen einarbeiten.

Wenn Sie sich fragen, was Sie können oder was genau Sie an Kompetenzen dazu gewonnen haben in ihrem Einsatz als EH, dann vergessen Sie nie, wie viele Farben Sie tragen. Malen Sie sie auf und geben Sie ihnen Namen. Ich selbst bin ein palästinensisches Chamäleon mit deutschem Migrationshintergrund im frankophonen Afrika, das fundierte Management- und Kommunikationskompetenzen hat.

Guten Tag, mein Name ist Liva Haensel. Schön, dass Sie den Text bis zu Ende gelesen haben. Und jetzt interessiert mich: Wer sind Sie?

Kontakt: liva.haensel@gmail.com

Blog von Liva Haensel

Bildergalerie: Liva Haensel in Togo