Ökotourismus in Sierra Leone

Im Reich der Krokodile

von Claudia Christine Wolf

Es ist kurz nach Mitternacht. Im Bad meines Hotelzimmers scheppert es. Ich ignoriere es. Versuche zu schlafen. Kann nicht schlafen. Muss auf die Toilette. Sehe, wie eine Ratte im Abfluss der Dusche verschwindet. Sie hat den Plastikeimer umgeworfen. Augen zu und durch, denke ich, und gehe zurück ins Bett. Leider gibt es zwischen Bad und Schlafzimmer keine Tür. Das hier ist kein Fünfsternehotel. Jetzt zerrt die Ratte an meinem Moskitonetz. Ich hatte schon oft nächtliche Gesellschaft und habe mein Bett mit Spinnen, Kakerlaken, sogar einem Gecko geteilt. Die Ratte ist Premiere.

Tiere liegen mir am Herzen. Im Mai 2017 bin ich nach Sierra Leone gezogen, um sie zu schützen - und ihren Lebensraum: die Mangrovensümpfe, Savannen und Regenwälder des westafrikanischen Küstenstaates. Ich bin Fachkraft für Öffentlichkeitsarbeit und Advocacy bei Conservation Society of Sierra Leone, einem Partner von Brot für die Welt. Mein Auftrag: die Naturschutzprojekte der Organisation publik machen, zum Beispiel in den Medien oder in Newslettern. Außerdem leite ich Projekte, organisiere Konferenzen und Exkursionen oder halte Workshops.

Im aktuellen Projekt erkunden meine Kollegen und ich Regionen, die ein Potenzial für Ökotourismus haben, nachhaltigen Tourismus im Einklang mit Menschen und Natur. Wir sind zusammen mit der Journalistin Rachel von Culture Radio und dem Kameramann Mohamed von “Sladea” unterwegs, der Sierra Leone Adult Education Association. Mohamed möchte unsere Aktivitäten filmen und im Internet verbreiten. Die von Affen bevölkerte Insel Tiwai und den Staudamm Guma haben wir schon besucht. Heute Nacht bin ich in der Stadt Makeni, etwa drei Stunden Autofahrt von der Hauptstadt Freetown entfernt. Morgen geht es gen Norden zum Sonfon-See, nahe der Grenze zu Guinea. Es ist mein letztes Projekt. Im Juni 2019 gehe ich zurück nach Deutschland.

Das Projekt ist wichtig, denke ich. Ich muss morgen fit sein. Erinnere mich daran, dass es sich bei Ratten nicht um eine gefährdete Spezies handelt und ich meinen Mitbewohner deshalb in seine Schranken verweisen darf. Schlaftrunken stehe ich auf, scheuche die Ratte zurück in „ihren” Abfluss, stelle den Plastikeiner darauf und fülle ihn bis zum Rand mit Wasser. Den wird sie jetzt nicht mehr umwerfen können.

Sierra Leone, denke ich, bevor ich endlich einschlafe, hat so viele Gesichter. Sierra Leone ist ein Ungeheuer, mit über zehn Jahren Bürgerkrieg, Ebola-Krise, Armut und Korruption. Sierra Leone ist aber auch Hoffnung, die mit jedem strahlenden Kindergesicht, das mir begegnet, neu geboren wird. Aus dem Blickwinkel der Ratte ist Sierra Leone ein Paradies, mit endlosen Müllbergen und defekten Rohrleitungen, die ihr direkten Zugang in mein Hotelzimmer ermöglichen. Und aus der Perspektive von Touristen ist Sierra Leone ein Naturwunder, bevölkert von Schimpansen, Waldelefanten und Zwergflusspferden.

Am nächsten Morgen brechen wir früh Richtung Sonfon-See auf - früh in „African Time”. Bedeutet: Eigentlich wollten wir um sieben Uhr los. Doch es ist halb neun, bis das gesamte Team am Treffpunkt eingetrudelt ist. Zeitverschwendung, denke ich. Das Sierra Leonische Zeitmanagement ist etwas, woran ich mich nie gewöhnen kann. Ich denke auch: Unausgeschlafen kann weniger leisten. Bestimmt werde ich mich bei den Interviews mit den Dorfbewohnern nicht gut konzentrieren können. Dabei hätte ich statt um sechs um halb acht aufstehen können… Derartige Sorgen scheinen meinen Kollegen fremd zu sein. Während ich mit mäßiger Laune und lauwarmem Kaffee meinen typisch deutschen Gedanken nachhänge, lachen und scherzen sie.

Viele Stunden später kommen wir in einem Dorf nahe des Sonfon-Sees an, durchgeschüttelt von hunderten von Schlaglöchern. Eigentlich wollten wir heute Abend noch mit den Dorfbewohnern sprechen, sie zu ihrer Meinung zu Touristen und Naturschutz befragen und herausfinden, wovon sie in dieser kargen Gegend überleben. Doch es ist spät geworden.

Journalistin Rachel und Kameramann Mohamed schlagen vor, die Interviews auf den nächsten Morgen zu verschieben. Ich esse ein paar Erdnüsse, die ich aus Makeni mitgebracht habe. Dann baue ich mein Zelt auf. Es ist noch hell. Ich beschließe, vorm Schlafengehen die Umgebung zu erkunden. Im Projekt geht es auch darum, herauszufinden, ob die Gegend für Tourismus überhaupt geeignet ist. An dornigen Hecken vorbei gehe ich Richtung See. Monatelang hat es nicht geregnet. Es ist ganz still. Die Hitze scheint alles Leben in Schweigen aufgelöst zu haben. Nur die vertrockneten Zweige knacken unter meinen Schritten.

Und dann sehe ich den See. Ein Stück unter mir, versteckt zwischen Sträuchern und sonnenverbranntem Elefantengras. Es ist einer dieser magischen Momente, die sich schwer in Worte fassen lassen. Wenn ein Schleier von den Augen fällt und die Natur in vollkommener Schönheit erstrahlt. Der See ist voller Leben. Überall sind Vögel. Im Wasser, in der Luft, auf den Bäumen. Sie singen, rufen, schnattern. Und dort sind auch Frösche, deren Konzert das der Vögel beinahe übertönt. Ich bleibe ganz still stehen, will den Zauber nicht zerstören. Ich weiß nicht, wie lange ich wie gebannt auf den See blicke. Erst als es zu dämmern beginnt, gehe ich langsam zum Zelt zurück. Ich schlafe gut in dieser Nacht.

Der nächste Morgen verfrachtet mich zurück in die Realität. Ein großer Teil des Sees ist vom Goldabbau zerstört. Kein Leben existiert mehr im braunrot verfärbten Wasser. Wir kommen an einer verlassenen Goldmine vorbei, einem riesigen Krater aus roter Erde. Rot wie Blut, denke ich. Industrieller Goldabbau ist inzwischen verboten. Doch die Dorfbewohner schürfen im schlammigen Wasser noch immer nach Gold. Das Stückchen Paradies, das ich am Vorabend entdeckt habe, ist eines der wenigen unberührten Teile des Sonfon-Sees.

Vom Vorsitzenden des Dorfes, dem Chief, erfahre ich, dass in diesem Teil des Sees Krokodile leben. Über 30 Tiere könne man dort sehen. Offenbar hat der See nicht nur mich verzaubert: Im Dorf hat er spirituelle Bedeutung. Einem Mythos zufolge liegt unterm Wasser das Wrack eines verwunschenen Schiffes. Der Chief hält eine flammende Rede, in der er betont, wie wichtig der Schutz des Sees ist und wie sehr er es begrüßt, dass wir gekommen sind. „Ich hoffe, dass bald Touristen kommen”, sagt er. „Der Goldabbau muss endlich enden”. Fast hat er mich überzeugt. Doch dann erinnere ich mich, dass Gold Geld bringt. Mehr als Landwirtschaft. Mehr als der Verkauf von Korbgeflechten und Bienenhonig. Und viel mehr als Touristen. Denn noch ist Sierra Leone ein unentdecktes Reiseziel, der Ruf des Landes seit dem Krieg so schlecht, dass es nur selten Reisende dorthin verschlägt. Am Abend bitte ich einen Kollegen zum Chief zu gehen und so zu tun, als wolle er Gold zu kaufen. Und da hält er seine zweite flammende Rede - diesmal, um meinen Kollegen vom Goldkauf zu überzeugen, das er für einen „good price” direkt bei ihm bekomme.

Und da sind sie wieder, die altbekannten Zweifel, die in mir aufkeimen. Haben die Menschen hier nicht viel größere Probleme als Naturschutz? Viele kämpfen täglich ums nackte Überleben. Da ist es doch klar, dass sie am Sonfon-See Gold abbauen. Im Regenwald Gola Affen jagen. Und im Norden des Landes Bäume fällen, um deren wertvolles Holz ins Ausland zu verschiffen. Und Touristen, denke ich, wie sollen sie den Menschen helfen? Immer wieder werden Menschen im Namen des Ökotourismus ausgebeutet, müssen ihr Land verlassen, das zum Naturschutzgebiet erklärt wird, dürfen dort keine Früchte sammeln und erst recht nicht mehr jagen. Die versprochenen Touristen bringen oft viel weniger ein.

Meine Zweifel begleiten mich, seit ich in Sierra Leone bin. Nicht nur, wenn ich im Namen des Ökotourismus unterwegs bin. Auch, wenn ich weniger erreiche, als ich es wünsche. Oder wenn ich eine Idee habe, die keinen Zuspruch findet. Und am allermeisten, wenn die Chancen von Menschen aufgrund ihres Alters oder Geschlechts zerstört werden. Und ich machtlos danebenstehe.

Ich habe in Sierra Leone aber nicht nur viel gezweifelt, sondern auch viel gelernt. Vor allem, wie gut ich es habe. Dass mein deutscher Pass ein Ticket zur Freiheit ist. Ich kann fast überall hinreisen. Sogar nach Sierra Leone - ein Land, aus dem alle weg wollen. Im Gegensatz zu ihnen kann ich es ganz einfach verlassen. Ich konnte zur Schule gehen und zur Universität. Ich habe eine Krankenversicherung und es gibt eine Altersversorgung. In Deutschland ist der Krieg lange her. In Sierra Leone sind die Narben des Bürgerkrieges frisch. Wie kann man auf sein Land stolz sein, wenn die Menschen einander Schlimmes angetan haben? Womit identifiziert man sich?

Am Abend vor unserer Rückreise gehe ich noch einmal zum See. Diesmal kann ich auch Krokodile sehen. Manchmal schnappt eines von ihnen nach einem Vogel. Dann spritzt Wasser auf, und Schwärme von Vögeln flattern kreischend durcheinander. Doch jedes Mal landen sie kurz darauf wieder auf dem Wasser oder in den Bäumen. Als gäbe es keinen anderen Platz für sie.

Drei Wochen später, ich bin in Freetown. Conservation Society of Sierra Leone hat bei Brot für die Welt ein umfangreiches Ökotourismus-Projekt eingereicht, das dort geprüft wird. Man möchte nichts überstürzen. Schließlich ist Ökotourismus neues Terrain für die Organisation, und erst nach und nach wird sich zeigen, welche Mittel am besten geeignet sind, um nachhaltigem Tourismus den Weg zu ebnen. Kameramann Mohamed arbeitet an einer Video-Dokumentation über Sierra Leones Naturschutzgebiete, und Journalistin Rachel berichtet im Radio vom Sonfon-See.

Die Trockenzeit ist vorbei, und ich freue mich über die ersten Regenwolken, die der Wind über die staubigen Straßen treibt. Ich fahre mit meinem Kollegen Saiwah Richtung Tacugama, einer Schimpansen-Schutzstation. Wir wollen mehr über deren Touristen-Programme erfahren. Tacugama liegt inmitten des Regenwaldes der Freetown-Halbinsel und ist Sierra Leones Vorreiter in Sachen Ökotourismus. Es gibt dort Touren für Ornithologen, Abende an Lagerfeuern mit traditionellen Geschichten und sogar Yoga-Retreats.

Noch sind wir nah am Stadtzentrum. Nur selten ist ein Stückchen Wald zu sehen. Wenn ich aus dem Autofenster blicke, sehe ich kahle Berge, an deren Hängen Siedlungen empor kriechen. Der zerstörte Hang des Sugar Loaf Mountain im Dorf Regent gehört inzwischen zum Stadtbild. Im August 2017 begrub eine Schlammlawine dort über 1000 Menschen und verwandelte die Siedlung in ein Massengrab. Gründe für das tragische Ereignis waren Entwaldung am steilen Hang des Berges und ungewöhnlich heftiger Regen.

Da beginnt Saiwah zu erzählen, von der Zeit vor dem Krieg, als er ein Kind war. „Überall waren Bäume”, sagt er, und seine Augen leuchten. „In der Regenzeit lag Nebel über den Straßen von Freetown. Das Klima war angenehm frisch. Ich konnte frei atmen. Es gab weniger Menschen, dafür mehr Wald.” Fast jeden Tag habe er Mangos oder Avocados gepflückt. Sogar Affen und Graupapageien seien in die Stadt gekommen. „Es war richtig schön”, lacht er. „Ein Sierra Leone zum Verlieben.”

Ich schließe die Augen und stelle mir vor, Sierra Leone sei heute noch so wie damals und die Menschen so stolz auf ihr Land wie Saiwah, wenn er in Erinnerungen schwelgt. Meine Interviews haben vor allem eines gezeigt: Wichtiger als alles andere ist für die Menschen das eigene Überleben. Ich weiß nicht, ob Ökotourismus gegen Armut und Ausbeutung helfen kann. Ich weiß auch nicht, ob die Menschen in Sierra Leone ihre Wälder und Tiere schützen wollen, wenn sie dann nicht mehr jagen, kein Gold und kein Holz mehr verkaufen dürfen. Doch in einer Sache bin ich mir sicher: Wer die Wunden der Natur heilt, der heilt auch seine eigenen Wunden.