Beraterin für eine NGO in Uganda

Gemeinsam gegen Gewalt an Mädchen und Frauen

Von Vanessa Hugo

„Beraterin für Organisationsberatung für eine Nichtregierungsorganisation in Kampala, Uganda“, so stand es im Februar 2015 in der Stellenausschreibung von EIRENE e.V. Gerade war ich von einem 1,5-jährigen Aufenthalt aus Tansania zurückgekehrt. Dort hatte ich einen Freiwilligendienst in der Projektarbeit des Tansanischen Roten Kreuzes absolviert und im Anschluss war ich im Landesbüro von Plan International tätig gewesen. Während eines Forschungsaufenthaltes in meinem Masterstudium (MSc. Global Health) war mir die kenianische Küste bereits ans Herz gewachsen und nach einem Besuch bei einer Studienfreundin in Uganda in 2014 hatte das dritte Ostafrikanische Land mein Interesse geweckt.

Zurückblickend lebte nach der Rückkehr aus Tansania sowieso nur mein Körper auf deutschem Boden, gedanklich hing ich noch tief in der zurückliegenden Arbeit und bei Land und Leuten fest. Vor meinen Auslandsaufenthalten war ich einige Jahre in der internationalen Projektarbeit im Gesundheitssektor in Deutschland tätig gewesen, hatte jedoch nur punktuell Berührungspunkte zur Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Erst mit dem Masterstudium kristallisierte sich der Wunsch, in der EZ Fuß fassen zu wollen, so richtig heraus. Ich wollte etwas Sinnstiftendes im interkulturellen Kontext tun. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit stand in 2015 also nur noch eine Bewerbung und das Auswahlverfahren. Als die Zusage von EIRENE für den Einsatz bei der Partnerorganisation, Action for Development (ACFODE) in Kampala kam, war ich überglücklich. Nach einigen Vorbereitungskursen landete ich vier Monate später am Flughafen Entebbe.

Gemeinsam gegen Gewalt an Mädchen und Frauen

Die Partnerschaft zwischen ACFODE und EIRENE bestand schon seit 2012. EIRENE, als Internationaler Christlicher Friedensdienst, setzt sich gemeinsam mit Partnerorganisationen weltweit für Gerechtigkeit und Frieden ein. ACFODE arbeitet seit 1985 zur Förderung von Frauenrechten in allen Regionen Ugandas.

Die Erkenntnisse, die ACFODE aus ihrer Arbeit in den Projektgebieten sammelt, nutzt sie für Advocacy- und Lobbyarbeit. Gemeinsam setzten die beiden Organisationen zwischen 2012 und 2015 mehrere Projekte zur Prävention und Reduktion von sexueller und genderbasierter Gewalt an Mädchen und Frauen um.

In der Projektphase 2015-2018 wurde mit der Bevölkerung im Distrikt Kisoro an der Förderung positiver soziokultureller Praktiken gearbeitet, die die Umsetzung von Frauenrechten fördern. Gleichzeitig identifizierte die Bevölkerung auch schädliche Praktiken, die sie reduzieren wollten, darunter bspw. Alkoholkonsum, häusliche Gewalt und Verheiratung von Minderjährigen. Die Verletzung von Frauen- und Mädchenrechten basiert, wie in vielen anderen Ländern, auch in Uganda auf der Tatsache, dass dem weiblichen Geschlecht eine niedrigere Stellung in der Gesellschaft eingeräumt wird. Soziale Geschlechterkonstrukte führen zu Ungerechtigkeit, Diskriminierung bis hin zu Gewalt. Trotz umfangreicher Gesetze, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Uganda verbieten, haben 56% der Frauen häusliche Gewalt erlebt. 46% der verheirateten Frauen geben an, dass sie Angst vor ihrem Partner haben. Die Einbindung von Männern und Jungen ist daher zentraler Bestandteil von ACFODEs Arbeit und im Projektgebiet wurde mit Rollenvorbildern in Form von Vorbildpaaren („model couples“) gearbeitet.

Im Rahmen der Vorbereitung hatte ich mich intensiv in die Arbeit von ACFODE eingelesen, hatte zahlreiche Vorbereitungskurse mit Titeln wie „Beratungskompetenz“, „Organisationen verstehen und Veränderungsprozesse begleiten“ besucht und mich landeskundlich eingearbeitet. Bei EIRENE in Neuwied hatten wir im Ausreisekurs viel über unsere zukünftigen Rollen als Fachkräfte reflektiert. Das Partnerschaftsverständnis von EIRENE basiert auf "miteinander gestalten und gemeinsam Wissen und Strukturen für einen positiven Frieden schaffen".

Von der Vorbereitung in die Praxis

So stand ich bepackt mit viel theoretischem Wissen an meinem ersten Arbeitstag im Büro von ACFODE. Und genau da entstanden erste Fragezeichen in meinem Kopf wie ich die Rolle, auf die ich so umfassend vorbereitet worden war, denn nun praktisch ausfüllen sollte und wollte? Auch die Direktorin von ACFODE hatte Klärungsbedarf zu meinen Aufgaben. Also verfassten wir eine Vereinbarung über eine Reihe von Einsatzgebieten: Verbesserung des Projektmanagements, Weiterentwicklung im Bereich Monitoring & Evaluierung, Ausbau von Netzwerken und des Fundraisings, Beratung zur strategischen Planung und Lobbying & Advocacy. Die Erwartungen von ACFODE waren hoch, der Beratungsbedarf der ca. 20 Mitarbeiter*innen vielfältig, ACFODEs Portfolio breit – von Demokratieförderung, über Gewaltprävention bis hin zu Einkommensschaffung, – da hatte ich ja einiges zu tun für die kommenden 3 Jahre.

In den Vorbereitungskursen für Fachkräfte hatte ich gelernt, wie wichtig, insbesondere für die Nachhaltigkeit des Einsatzes, die Beratungsrolle ist und die Abgrenzung von der Managementrolle. Die sonst so aktive Macherin in mir, sollte nun der Beratungsrolle weichen, dabei waren Arbeitsergebnisse doch viel einfacher in erledigten Aufgaben sichtbar als in erweiterten Kapazitäten der Mitarbeitenden oder organisatorischen und prozessualen Veränderungen. Das Ausfüllen meiner Rolle empfand ich gerade in den ersten Monaten als sehr herausfordernd. Am Ende des Tages fragte ich mich öfters, ob meine Kolleg*innen wirklich von mir lernten oder ob ich nicht gerade einen Lerndienst machte.

Partnerschaften müssen wachsen

Im ersten Jahr hatte ich viel über die Lebens- und Projektrealitäten gelernt, hatte Netzwerke aufgebaut, meine Fachkompetenz im Bereich Gender und Entwicklungs­zusammenarbeit ausgeweitet und hatte ein umfangreiches Repertoire an soft skills erworben. Und was hatte ich nun ACFODE im Gegenzug gegeben?

Erst im zweiten Jahr merkte ich, dass die Mitarbeitenden von ACFODE immer proaktiver mit Beratungsanliegen in Bezug auf Projektarbeit und strategische Organisationsbelange auf mich zukamen. Ich merkte, Partnerschaften müssen wachsen. Ich musste erst Vertrauen schaffen und mit Kompetenz überzeugen.

Durch qualitätssichernde Maßnahmen vermittelte ich den Projektkoordinator*innen weitere Fertigkeiten im Projektmanagement. Wirkungen der Projekte wurden besser gemessen, das Berichtswesen verbesserte sich zunehmend und wir entwickelten neue Formate für die politische Arbeit. Die Netzwerke zu anderen Organisationen und Geldgebern, die ich aus- und aufgebaut hatte, nutzten wir gemeinsam um ACFODE bekannter zu machen, Fördergelder einzuwerben und für fachlichen Austausch. Es kam beispielsweise zu einer Kooperation mit der GIZ und es gelang der Einstieg in die Arbeit mit Geflüchteten.

Oft fühlte ich mich wie eine Art Bindeglied, Mittlerin zwischen internationalen, bürokratischen Geberanforderungen und ugandischer Arbeits- und Lebensrealität. Aber auch neben dem Fachlichen, konnte ich Impulse setzen bspw. mit Workshopeinheiten zu Achtsamkeit, Entspannung und Yoga, was von den Kolleg*innen gut angenommen wurde.

Zurück in Deutschland – die andere Seite der Projektarbeit

Nach 3,5 Jahren in Uganda fiel meine Stelle leider neuen Geberregularien zum Opfer und im Dezember 2018 packten mein Mann und ich die Koffer. ACFODE organisierte eine große Abschiedsfeier. Die Arbeitsbeziehungen zur Direktorin und manchen Kolleg*innen haben sich zu Freundschaften entwickelt und bestehen bis heute.

Nun arbeite ich in Deutschland in der Entwicklungszusammenarbeit und koordiniere Projekte im Gesundheitsbereich mit Partnerorganisationen im Globalen Süden. Hier nutze ich tagtäglich all das, was ich in Uganda lernen durfte. Die Projektbesuche sind immer wieder das Highlight in meinem Arbeitsalltag. Ein schönes Feedback zu unserer Zusammenarbeit von einem sierra-leonischen Partner war: „Du bist anders als die anderen. Du hörst uns zu, verstehst uns.“

Es ist spannend, nun die andere Seite der Projektarbeit mitzubekommen, mich besser mit deutschen Strukturen und Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit zu vernetzen und ein umfangreiches Weiterbildungsangebot zu nutzen.

Mein ehrenamtliches, entwicklungspolitisches Engagement nach dem Dienst hat bisher hauptsächlich im Rahmen der Veranstaltungen der AGdD stattgefunden z.B. ein Vortrag zu Geschlechtergerechtigkeit in Uganda zusammen mit der VHS Bonn und Bildungs- und Austauschangeboten für Rückkehrer*innen. Vor Kurzem bin ich auch bei EIRENE Mitglied geworden. Ich freue mich darauf, mein Engagement noch weiter auszubauen. Wirkungsvolle internationale und entwicklungspolitische Zusammenarbeit braucht Menschen, die diese gestalten und umsetzen. Ich bin sehr dankbar, dass ich Teil davon sein darf.